In letzter Zeit mehren sich die Anzeichen dafür, dass der Unterschied zwischen Primär- und Sekundärliteratur verschwindet. Das war lange ein Tabu. Nur selten waren Journalisten wie Fritz J. Raddatz mit Romanen darauf aus, die spezifisch deutsche Kluft zwischen Kritiker und Schriftsteller zu überwinden, und der alte deutsche Kulturreflex trat sofort ein: Die Romane wurden verrissen, und es mischte sich fast immer ein besonders spitzer Ton darunter, der dem Journalisten galt, der einen unzulässigen Genrewechsel vollzogen hatte. In anderen, vor allem in den angelsächsischen Ländern gab es diese Trennung nicht. Der deutsche Sonderweg mag an der Weihe liegen, die das Literarische im Bildungsbürgertum erhalten hatte, mit der Trennung von Künstlertum und Politik, Träumern und Pragmatikern. Und mit der Position des Kritikers, des unabhängigen Richters – da spielt die Sehnsucht nach Autorität eine Rolle, aber auch das deutsche Bedürfnis, die Literaten fest im Reich der Fantasie und der Ideale gebannt zu halten.

In den Verlagsprogrammen der letzten vier, fünf Jahre wimmelt es nun aber von Debütanten, bei denen mit ihrer journalistischen Praxis geworben wird; es geht um das Magazin der Süddeutschen Zeitung oder die Berliner Seiten der FAZ, um die frühe Tempo oder um die taz. Selbst Attribute wie "Redakteur im Hamburger Jahreszeiten-Verlag" gelten in Klappentexten renommierter Verlage wie Kiepenheuer & Witsch als Qualitätsmerkmal. Die Erklärung dafür liegt auf der Hand: Die Medien wurden in den letzten Jahrzehnten zu einer außerordentlichen Wachstumsbranche, und der Literaturbetrieb entwickelt sich zu einem kleinen Teilsegment davon. Die Medien definierten auch immer stärker die alten geisteswissenschaftlichen Disziplinen: Literaturwissenschaft, sofern es sie noch gibt, studiert heute kaum einer mehr, dafür umso gezielter die neu hinzugekommenen Medien- und Kommunikationswissenschaften.

Die Berufsbezeichnung Schriftsteller gibt den Kick

Die neuen Möglichkeiten des Fernsehens und des Printmarkts, die neuen Magazine und der neue Hochglanz entfalteten seit den frühen achtziger Jahren eine Form von Kreativität, die alte Grenzen sprengte. Autoren wie Maxim Biller oder Christian Kracht machten durch Kolumnen und Dandytum, aber vor allem mit einem damit einhergehenden Gestus des Schriftstellers auf sich aufmerksam. Zugespitzt wurde dies durch ein Medientalent wie Benjamin von Stuckrad-Barre: Das Geld verdient man nicht in erster Linie mit Büchern, aber die Berufsbezeichnung Schriftsteller gibt erst den nötigen Kick, um an die lohnenden Medienpfründen heranzukommen: gut bezahlte Kolumnen in einschlägigen Magazinen, Fernsehsendungen, Pop-Darstellungen in ausgesuchten Locations. Die Karriere des Begriffs Popliteratur ist ein Modellfall für das, was sich zurzeit verändert.

Die Session Tristesse Royale um Kracht und Stuckrad-Barre im Hotel Adlon war ein Coup, der weniger den dabei hervorgebrachten Text, sondern vor allem die Rezeption als Event im Visier hatte. Das aristokratisch-blasierte Fin-de-Siècle-Gefühl, der Halt im Luxus und in den Moden – die beflisseneren Kulturjournalisten ahnten, dass das die Pose einer neuen Generation war, der Enkel der alten Bundesrepublik, und sie wollten ihnen nicht auf den Leim gehen. Denn Kritik war, nach all den Exerzitien seit den späten sechziger Jahren, obsolet geworden. Kritik, so lautete der allgemeine Befund, konnte sich nur noch hinter der Affirmation verstecken, sie äußerte sich als Konsum, als Überdruss, und man sagte "Popliteratur" dazu.

Dieses Label wurde für den Literaturbetrieb und das Feuilleton der späteren neunziger Jahre fast hegemonial. Man kam damit zwar ungefähr zwanzig Jahre zu spät, aber vielleicht war dadurch erst Breitenwirkung möglich. Anfang der achtziger Jahre bereits wurde in der Pop-Szene ein Modell entwickelt, das Thomas Meinecke "mobile Anpassung" nannte. "Wir sagen ja zur modernen Welt", sang seine Gruppe FSK, die anfangs auch gern mal in Bundeswehruniform auftrat. Doch Meineckes programmatischer Titel Mode &Verzweiflung drückte auch einen Zwiespalt aus. Man verwendete Strategien, die eigentlich zur Gegenseite gehörten, um die Gegenseite zu verwirren: subversive Affirmation. So ein Konzept konnte nicht lange durchgehalten werden, funktionierte aber eine Zeit lang hervorragend.

Bei dem affirmativen Modell von Tristesse Royale nun war schwer auszumachen, wo die Strategie aufhörte und die Subversion anfing. "Irony is over. Bye, bye": Man ließ es bewusst im Unklaren, wie dieses Zitat der britischen Gruppe Pulp auf dem Schutzumschlag der von Kracht herausgegebenen Anthologie Mesopotamia zu verstehen war – ob man das wörtlich nehmen sollte oder doch als Versuch, eine Art Meta-Ironie zu installieren. Vermutlich war der Witz, dass gar keine Haltung dahinter steckte, und das war symptomatisch für das vermeintliche Ende der Ideologien nach 1989.

Es wird mit Zitaten und Markennamen gespielt, ohne damit auch eine historische, kritische oder sonstige Dimension anzureißen. Das funktioniert wie eine Illustrierte: Es geht darum, Namen aufzulisten, die zu Wiedererkennungseffekten führen. "Verständigungsliteratur" wurde solcherart Lifestyle-Geplapper nicht zu Unrecht genannt. Das war der Sound der Neuen Mitte, bei dem es – anders als in der mit Zitat und Montage arbeitenden "Pop"-Literatur von Thomas Meinecke oder Kathrin Röggla – weniger um Differenz ging, um Brüche.