Sitten & Gebräuche Gesundheit!
Wie bekomme ich auf dem Weg zur Arbeit bloß keine Grippe?
Sie geht um, sie kommt immer näher, alle niesen schon – Familienmitglieder, Kollegen, Verkäufer, U-Bahn-Mitfahrer. Wer es sich leisten kann, geht nicht nach draußen, bis das Schnauben und Husten ringsum erstorben ist. Und wer es sich nicht leisten kann? Was können Sie tun, um sich auf dem Weg zur Arbeit zu schützen und Ihrer Firma Ihre Arbeitskraft zu erhalten (bis zum Urlaub, in dem Sie endlich wieder krank werden?)?
Nehmen Sie Obst und Gemüse schon zum Frühstück in rauen Mengen zu sich. Haben Sie keine Angst, andere könnten sich an Ihren einsetzenden Verdauungsproblemen stören: Je mehr man Ihre Nähe meidet, desto geringer die Ansteckungsgefahr. Ach ja: Desinfizieren Sie Ihre Zeitung vor dem Lesen mit Sagrotan (auch symbolische Aktionen stärken Psyche und Immunsystem).
Wenn Sie aus dem Haus gehen, halten Sie Abstand zu jedem, der heiser ist, sich schnäuzt, hustet oder so wirkt, als sei er kurz davor (wechseln Sie im Zweifel die Straßenseite). Falls Sie Fahrgemeinschaften mit Bekannten bilden, forschen Sie diese vor der Fahrt über eventuelle Kopfschmerzen oder Apothekengänge aus, und brechen Sie den Kontakt gegebenenfalls ab. Fahren Sie allein mit dem eigenen Auto, stellen Sie die Klimaanlage aus, verriegeln Sie die Türen, und öffnen Sie niemandem.
Müssen Sie öffentliche Verkehrsmittel benutzen, tun Sie dies nach Möglichkeit dann, wenn diese leer sind. Haben Sie weniger günstige Arbeitszeiten, umgehen Sie die ansteckungsgefährlichen Warteschlangen beim Einsteigen (nennt Sie jemand einen Drängler, zeigen Sie diesen Text vor), und suchen Sie sich einen Platz abseits der anderen Fahrgäste. Wird der Wagen zu voll, oder beginnt jemand zu schniefen, halten Sie die Luft an und ein Taschentuch vors Gesicht, und steigen Sie aus (lacht man über Sie, denken Sie daran, dass Sie noch lachen werden, wenn andere längst husten).
Fassen Sie unterwegs nichts an, da überall Krankheitskeime haften: Türen lassen sich auch mit dem Fuß öffnen, und mit einiger Übung kann man sich selbst in einem Bus freihändig auf den Beinen halten (führen Sie für die ersten Tage Pflaster mit sich). Eine Alternative sind Einmalhandschuhe, die Sie vor Betreten Ihres Büros wegwerfen, ohne die kontaminierten Außenseiten zu berühren.
Achten Sie unbedingt auf Ihre Hände. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass der Mensch beim Grübeln, Lesen oder Nasebohren dazu neigt, sich ins Gesicht zu fassen und dort Krankheitserreger zu verteilen. Hören Sie auf, unterwegs zu grübeln, zu lesen oder nasezubohren. Können Sie das nicht, und finden Sie den Gedanken, sich selbst in der Öffentlichkeit die Hände zu fesseln, lächerlich, schützen Sie Ihre Nasenschleimhäute mit einer Wäscheklammer, besser noch mit einem Mund- und Nasenschutz, wie er gegen SARS eingesetzt wird: So schrecken Sie auch potenzielle Anstecker ab. Will sich dennoch jemand zu Ihnen setzen, verengen Sie Ihre Augen, und markieren Sie einen trockenen Husten (vermutlich werden selbst Fahrscheinkontrolleure Sie unbehelligt lassen).
Hustet oder niest ein anderer Sie dagegen provozierend an, oder will er Ihnen gar die Hand geben, halten Sie ihn mit einem Desinfektionsspray auf Abstand. Vergessen Sie nicht, im anschließenden Polizeiverhör den Gesichtsschutz aufzubehalten; Polizisten kommen mit kranken Menschen in Berührung. Das gilt auch für Psychotherapeuten.
Keine Sorge: In der Firma wird man Ihnen wegen Ihrer Verspätung keinen Vorwurf machen. Man wird dankbar sein, dass Sie überhaupt kommen. Und Sie dann anstecken.
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 15.01.2004 Nr.4
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