medizin Blick durch die Röhre

Neue Kernspintomografen können den gesamten Körper im Eiltempo durchleuchten. Kommt nun das Massen-Screening für Gesunde?

Die Vermessung dauert vierzehneinhalb Minuten. Danach bin ich digital verfügbar. Am Bildschirm kann man jetzt vom Hirn bis in den großen Zeh surfen und meine sämtlichen anatomischen Details besichtigen, millimetergenau in Grautönen aufgelöst.

Das Eingangstor für den Technotrip steht auf dem Tübinger Schnarrenberg. Siemens-Techniker haben dort der Uniklinik eine „neue Dimension der Magnetresonanztomografie“ in den dritten Stock gestellt. „Magnetom Avanto“ heißt sie, wiegt fünfeinhalb Tonnen und steht in dieser Form – außer in Tübingen – bis jetzt nur in New York. „Das ist die Weltspitze der Bildgebung“, sagt Claus Claussen, Leiter der Radiologie der Tübinger Uniklinik, stolz. Das neue Gerät ermöglicht erstmals ein Screening des ganzen Körpers. „Revolution begins now“ , verspricht die Broschüre des Herstellers. Ganz billig ist so eine Revolution freilich nicht – 1,2 bis 1,7 Millionen Euro kostet das Stück. Doch auf Messen stößt der Gerätetyp schon vor dem Verkaufsstart im Frühjahr auf große Resonanz.

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Die Liege ist hart, die Röhre eng. „Mpfüh-zsss“ macht das Gerät in regelmäßigen Abständen und kühlt supraleitende Magnete auf minus 270Grad. Vor der Durchleuchtung bekommt man eine Rüstung aus verschiedenen Kunststoffteilen, Brustpanzer, Beinkleid und Gitterhelm übergestülpt – die Total Imaging Matrix (TIM). Diese macht aus der bisher vergleichsweise langsamen Kernspintomografie eine Methode für Eilige, die sich auch für die Routine eignet: Zum ersten Mal kann man Menschen in einem Rutsch von Kopf bis Fuß, ohne Strahlenbelastung, mindestens doppelt so schnell wie früher und gestochen scharf durchleuchten. Was dabei wohl alles zutage kommt? Zumindest mein Magen scheint überzeugt, eigentlich gar nicht wissen zu wollen, wie es in mir aussieht. Es hilft nichts: Der Trend geht zur Früherkennung.

76 Antennen, versteckt im grauen TIM-Plastikmantel, zeichnen während der Fahrt durch die Röhre die Signale auf. Ein starkes Magnetfeld, 30000-mal so kräftig wie das der Erde, kämmt die Kernspins der Wasserstoffatome im Körper wie Kompassnadeln in Fahrtrichtung. Radiowellenpulse lenken die winzigen körpereigenen Magnetnadeln aus dieser Lage ab, die Antennen lauschen auf deren Echo. Damit der Röhrenreisende in seiner Rüstung keinen Hörschaden erleidet, haben die Siemens-Ingenieure ihr Gerät in Flüsterschaum gepackt. Bisher dröhnten Tomografen laut wie die Triebwerke von Düsenjets. 2000-mal pro Sekunde werden in ihnen Stromstärken von 600Ampere an- und ausgeschaltet. Das rüttelt gewaltig am Gehäuse. Dank Schaumdämmung wummert es in der Röhre statt mit 120 mit 90 Dezibel – immer noch Discolautstärke.

Während der graue Deckenstreifen im zwei Meter langen Tunnel langsam vorbeizieht, erscheint nach drei Minuten im Vorraum meine Wirbelsäule auf dem Bildschirm, in Minute zwölf die Kniescheibe. Kaum bin ich die Rüstung los, hat Claussen mithilfe einer Bildverarbeitungssoftware bereits die Frage „Wie geht es mir?“ beantwortet. Nur eine seltsame Krümmung des Rückgrats und eine Zyste im Knie sind aufgefallen. Kein Tumor, keine anderen Probleme, verkünden die Bilder. Das freut.

Doch die Möglichkeit zur Früherkennung mit immer besseren, teureren und schnelleren Geräten wirft viele Fragen auf. „Die therapeutische Relevanz der Bilder lässt sich nur noch interdisziplinär interpretieren“, sagt Claussen. Einen einzelnen Arzt überfordert die Komplexität der Daten aus einer Ganzkörperuntersuchung. „Ein Orthopäde würde Ihnen die Zyste im Knie sofort rausschneiden. Doch von allem anderen, was man auf den Bildern sieht, hätte er keine Ahnung.“

Unwissen kann ein Segen sein

Wer mehr sieht, findet auch mehr. Was wäre, wenn bei der Untersuchung problematischere Befunde aufgetaucht wären? Jeder vierte 65-jährige Mann hat zum Beispiel nachweislich Prostatakrebs. Doch nur drei Prozent sterben daran. Fühlen sich Menschen besser, wenn sie wissen, dass sie krank sind? Werden sie sich aufgrund der Diagnose einer unnützen Operation unterziehen?

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