italien „Alzheimer des Kapitalismus“Seite 3/3
Und alle fielen auf sie herein. Als die italienische Börsenaufsicht Consobim Frühjahr erstmals zaghaft einen Verdacht äußerte, drohte Calisto Tanzi mit einer Schadenersatzklage. Bis zum Schluss hielt der fromme Selfmademan aus Parma eisern durch.
Es war auch der Schulterschluss mit katholischen Finanzkreisen, der Tanzi vom Milchmann der italienischen Provinz zum globalen Milchkönig gemacht hatte. Mit seinen Privatjets flogen Politiker und Kurienkardinäle. Ein Helikopter mit Parmalat-Schriftzug hieß „Gottes Hubschrauber“, weil er regelmäßig Männer aus dem Vatikan beförderte. Tanzi ging täglich zur Messe, und das neue Hauptquartier inCollecchio entwarf seine Schwiegertochter nach dem Modell einer urchristlichen Basilika. Die einzelnen Fabriktrakte sollten Kirchenschiffen nachempfunden sein.
Nach Weihnachten bat ein Priester in Collecchio die Gemeinde zum Gebet „für unseren Bruder Calisto, der in Schwierigkeiten ist“. Gut die Hälfte der Anwesenden erhob sich stumm und verließ die Kirche.
Zweifellos ist der Zusammenbruch von Parmalat auch ein internationaler Skandal. Großbanken wie die Bank of America, mit 700 Millionen Euro Hauptfinanzier des italienischen Lebensmittelriesen, sind involviert. Die Citigroup (500 Mio) erfand für Parmalat eine Off-Shore-Operation mit dem Unheil verkündenden Namen Buconero, schwarzes Loch. 40 Prozent aller Parmalat-Anleihen wurden von den US-Investmentbanken JP Morgan, Merrill Lynch und Morgan Stanley platziert. Und die Deutsche Bank, deren Manager bereits von der Staatsanwaltschaft Parma vernommen wurden, begab noch im September die letzte Parmalat-Anleihe über 350 Millionen Euro – und erhöhte ihr Aktienpaket kurzzeitig von zwei auf fünf Prozent. Auf fremde Rechnung, wie die Verantwortlichen jetzt präzisieren. Dennoch bleiben Fragen offen: Welche Rolle spielte etwa der für die Deutsche Bank in Italien tätige Investmentbanker Massimo Armanini, der jahrelang Parmalats Nordamerika-Chef war? Und wie eng waren die Beziehungen der Deutschen Bank zu Tanzi?
Auch die Prüfungsgesellschaften haben bei Parmalat eine brutta figura abgegeben, eine wirklich schlechte Figur. Gegen zwei Mailänder Mitarbeiter von Deloitte Touche wird wegen Bilanzfälschung ermittelt. Grant Thorton hat sich mittlerweile sogar von seiner italienischen Filiale losgesagt, „um das Ansehen unserer Organisation zu schützen.“
Wer tatsächlich was gewusst hat und wann, das werden jetzt die Staatsanwälte klären müssen. Schon haben sie Cesare Geronzi aufs Korn genommen, den bis dato schier allmächtigen Chef der Capitalia. Gegen ihn wird wegen seiner Rolle bei der Cirio-Pleite ermittelt.
Aus dem Gefängnis belastet auch Calisto Tanzi den ehemaligen Geschäftsfreund: Geronzi, an dessen Tropf nicht wenige Unternehmen nebst der beiden Fußball-Erstligaklubs Lazio und AS Rom hängen, habe Tanzi zum Kauf der Cirio-Tochter Eurolat bewegt – zu einem völlig überhöhten Preis. Mit dem Verkaufserlös sollte Cirio alte Schulden begleichen. „Und wir konnten nicht frei verhandeln, weil wir selbst beiGeronzi in der Kreide standen“, behauptet Tanzi. Der Banker weist die Vorwürfe zurück, verzichtete aber am Montag „aus Gründen der Opportunität“ auf einen Gastvortrag an der Universität Rom.
- Datum 15.01.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 15.01.2004 Nr.4
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