USA Erst reich, dann gleich
Immer abwechselnd: Kevin Phillips beschreibt das Spannungsverhältnis von Kapitalismus und Demokratie in Amerika
Zum Bradley-Martin-Ball im Waldorf-Astoria-Hotel 1897 in New York kamen die Gäste in den Kostümen französischer Grafen und Herzöge, Martin selbst trat als König Ludwig XIV. auf. Die amerikanische Oberschicht stellte sich ungeniert als neue Aristokratie dar, und die Hearst-Presse berichtete über jedes Detail. Lesen sich nicht Namen wie Henry Ford II., Pierre duPont III. oder John D. Rockefeller IV. noch heute wie ein amerikanischer Gotha?
Um das gespannte Verhältnis von Reichtum und Demokratie geht es in Kevin Phillips’ jüngstem Buch Die amerikanische Geldaristokratie. Phillips, Autor von politischen Büchern und Kommentator des Wall Street Journal, der CBS, der New York Times und der Washington Post, ist eine gewichtige Stimme im Chor der politischen Analysten der USA. In diesem Buch zeichnet er in einem breit angelegten historischen Panorama nach, wie sich in den Vereinigten Staaten soziale Wellen der Bereicherung mit Wellen des Zorns über die Macht des Geldes abwechseln.
Der Martin-Ball fiel in das „vergoldete Zeitalter“, als Eisenbahnkönige und Fleischindustrielle, Zuckerbarone und Textilmagnaten die amerikanische Weltmarktstellung mit billiger Lohnarbeit und der Hilfe des Staates begründeten: Streiks wurden mit Bundestruppen unterdrückt, während Subventionen und Landschenkungen, Staatsaufträge und Zollschutz zu einer grandiosen Umverteilung und zur Bildung großer Vermögen führten. Die populistische Reaktion kam mit Theodore Roosevelts Kampf gegen die „Bösewichter der reichen Oberschicht“ und mit der Anti-Trust-Gesetzgebung.
Die zwanziger Jahre, „in denen die oberen Zehntausend mit der Sorglosigkeit von Großherzögen und der Lässigkeit von Call Girls lebten“ (Scott Fitzgerald), brachten wiederum ein Regime des Laisser-faire, in der die Spitzensteuersätze gesenkt und unkontrollierbare Holdings gegründet wurden, die zur Bildung der großen Blase beitrugen, welche 1929 platzte. Auf die Weltwirtschaftskrise folgte die Präsidentschaft Franklin D. Roosevelts, der die hohen Einkommen zu 91 Prozent besteuerte, die Sozialversicherung einführte, Gewinn- und Lohnmargen verordnete, Holdings verbot und zeitweilig die Börse einfach zumachte. Kein Zeitalter brachte den USA eine größere Zunahme an demokratischer Gleichheit und politischer Regulierung als dasjenige Franklin Roosevelts, das für die reichen Familien freilich nichts anderes als eine starke Kontraktion ihrer Vermögen und Einkommen darstellte.
Man muss die Unterscheidung zwischen Kapitalismus und Demokratie im Auge haben, um diesem ungewohnten Blick auf die Dynamik von sozialen Prozessen zu folgen. Phillips stützt sich auf den Historiker Arthur Schlesinger jr., der von einem zwangsläufigen Wechsel zwischen Zyklen des Gemeinwohls und solchen des privaten Interesses spricht. Er zeigt Pendelbewegungen: von der Reichtumskonzentration in den Händen weniger, gepaart mit sozialdarwinistischen Ideen, zurück zu Phasen sozialer Gerechtigkeit, gepaart mit der Idee der Gleichheit.
Sein Blick, an Fernand Braudel geschult, richtet sich auf das Muster von Aufstieg, Gipfelpunkt und Abstieg der bisherigen Weltmächte im Vergleich mit den Vereinigten Staaten: In der Endphase dieser Mächte vertrauten die Eliten ganz auf die Börse, investierten vorwiegend in Übersee und vernachlässigten die Bevölkerung ihres eigenen Landes. Weisen nicht die gigantischen Spekulationen mit Devisen und mit Aktien von Firmen, die nichts als Verluste produzierten, darauf hin, dass die amerikanischen Eliten auf dem Weg ihrer Vorgänger sind, während bei negativer Sparquote und wachsender Schuldenlast die Kluft zwischen Arm und Reich enorme Ausmaße erreicht?
Phillips glaubt, dass Amerikas Chance in einem Regimewechsel besteht: Ein neuer Roosevelt, der gegen Korruption, Polarisierung und die Exzesse der Marktwirtschaft auftritt, kann das Pendel wieder zur sozialen Gerechtigkeit zurückbewegen. Amerika könnte also die Welt in den nächsten zehn Jahren einmal mehr überraschen. Das würde eine völlige Umorientierung auch für die Europäer bedeuten. Mit der Übersetzung von Andreas Wirthensohn wird nun der Zugang zu diesem Autor erleichtert. Es wird Zeit für die Europäer, sich mit den Gedanken von Phillips auseinander zu setzen.
- Datum 15.01.2004 - 13:00 Uhr
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- Serie sachbuch
- Quelle (c) DIE ZEIT 15.01.2004 Nr.4
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