Es ist drückend heiß. Die Stadt müffelt nach Öl. Soldaten und Ölarbeiter, Abenteurer, Schmuggler und Prostituierte tummeln sich in Lago Agrio. Straßenhändler und Roulettespieler versuchen ihr Glück. Ein kleiner Junge bietet einen frisch gefangenen Papagei feil – das ist streng verboten, stört hier aber niemanden. Lago Agrio ist der Eingang zum Oriente, zur Amazonasregion von Ecuador. Hinter den Stadttoren beginnt eine Landschaft voller Gegensätze. Unmittelbar neben dichtem, unberührtem Regenwald mit einer großen Vielfalt an Tieren und Pflanzen liegen schmutzige Hinterlassenschaften der Ölindustrie. Kaum hat man Lago Agrio verlassen, stößt man auf stinkende schwarze Seen. "Überall gibt es hier solche Abfallbecken", sagt Nathalie Weemaels von der Umweltorganisation Acción Ecológica. Sind die Seen mit Öl- und Chemikalienrückständen gefüllt, werden sie abgebrannt. Schwarze Rauchwolken verpesten dann die Luft. "Das ist keine rückständige Technik", sagt Weemaels, "es fehlt jegliche Technik."

Die ältesten Becken sind über 30 Jahre alt, denn bereits in den siebziger Jahren ist im ecuadorianischen Amazonasgebiet Öl gefördert worden. Heute fließen täglich 400000 Barrel Rohöl durch die alte Pipeline Sote in Richtung Küste. Immer wieder kommt es zu Unfällen. Aus Lecks flossen in all den Jahren 74 Millionen Liter Öl in die Umwelt – weit mehr, als beim Tankerunglück der Exxon Valdez ins Meer gelangte. Die Bohrschlämme, Öl- und Chemikalienrückstände vergiften nicht nur Umwelt und Trinkwasser. Auch die Menschen werden krank. Die Krebsrate in den Ölfördergebieten ist deutlich erhöht. Das hat eine Studie in vier ecuadorianischen Provinzen ergeben.

Die Trasse führt an sechs aktiven Vulkanen vorbei

In Zukunft ist damit zu rechnen, dass die Ölverschmutzung weiter zunimmt. Denn das internationale Konsortium OCP baut zurzeit eine zweite Pipeline – von Lago Agrio quer über die Anden bis in den Hafen von Esmeraldas. Das Geld für das Projekt kommt zum größten Teil aus Deutschland. Mit einem Kredit von rund 900 Millionen Dollar ist die Westdeutsche Landesbank der Hauptfinancier. Die Pipelinetrasse verläuft quer durch Nationalparks, Naturschutzgebiete und vorbei an sechs aktiven Vulkanen. Eine Eruption des Reventador im Jahr 2002 schleuderte frisch verlegte Rohre wie Streichhölzer durch die Gegend.

Unbeirrt von solchen Ereignissen gehen die Bauarbeiten an der neuen Pipeline voran. Die Menschen in Ecuador seien auf die Ölmilliarden angewiesen, argumentieren die Befürworter. Aber macht der Ölboom das Land wirklich reich? Tatsächlich fließt ein Großteil der Gewinne direkt ins Ausland. Die Firmen des OCP-Konsortiums sitzen in den USA, Kanada und Italien. Allerdings kassiert der ecuadorianische Staat eine Abgabe für jedes Barrel Rohöl, das durch die neue Pipeline fließen wird. Michael Wilde, Sprecher der WestLB, rechnet daher mit "zusätzlichen Einnahmen von über zwei Milliarden US-Dollar pro Jahr" für Ecuador. Doch davon fließen 70 Prozent in den Schuldendienst, das heißt wiederum ins Ausland. Weitere 20 Prozent muss Ecuador in einen "Notfonds" investieren. Das Geld soll den Schuldendienst auch dann sicherstellen, wenn der Ölpreis fällt. Dem ecuadorianischen Staat bleiben zehn Prozent der Einnahmen. Entscheidend sei, dass diese Gelder der parlamentarischen Kontrolle unterliegen, sagt Bob Traa, Ecuador-Experte beim Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington. Man müsse Lehren aus der Vergangenheit ziehen, "sonst wirft Ecuador seine Öleinnahmen weiter zum Fenster hinaus oder parkt sie auf Konten in Miami".

Offen spricht der IWF-Experte die allgegenwärtige Korruption an. Die Organisation Transparency International zählt Ecuador zu den zehn korruptesten Ländern der Welt. Die Menschen auf der Straße hat der Dollarregen nie erreicht. Obwohl seit 30 Jahren Öl gefördert wird, leben heute fast 80 Prozent der Ecuadorianer unterhalb der Armutsgrenze. Immer wieder gibt es deshalb Proteste gegen die Energiepolitik der Regierung und gegen die neue Pipeline, bisher ohne Erfolg.

Am umstrittensten ist der Bauabschnitt durch den Nebelwald von Mindo. Das Naturschutzgebiet Mindo-Nambillo gehört zu den artenreichsten Regionen der Welt. Tukane, Papageien, Quetzals, Kolibris und der knallrote Andenfelsenhahn leben hier. Der wachsende Ökotourismus hat die Lebenssituation der Menschen hier verbessert. Die Pipeline gefährdet diesen bescheidenen Wohlstand. "Wer will schon neben Öllachen und Bohrlöchern Urlaub machen?", fragt Cesar Fiallo, der in Mindo ein kleines Hotel betreibt.

Fast das ganze Dorf ist sich einig. Die Menschen von Mindo haben die Organisation Acción por la Vida gegründet, um die Röhre zu verhindern. Ausländische Hilfe fanden sie auch in Deutschland. Der Verein Rettet den Regenwald sammelte mehr als 100000 Euro für den Kauf eines Sperrgrundstücks in der Nähe von Mindo. Das erworbene Land liegt auf einem schmalen Berggrat exakt dort, wo die Pipeline verlegt werden soll. In Ecuador sind die Umweltschützer inzwischen als Besitzer rechtskräftig anerkannt. Betreten dürfen sie ihren Grund und Boden trotzdem nicht.