Mitgliedschaft Was wusste Walter Jens?Seite 3/3

Vom „Eingepreßtwerden“ in unserer Zeit

„Ich bin am Ende. Ein fragwürdiger Dichter stand vor uns: einer der würdig ist, dass man nach ihm fragt, heißt das. Ein Dichter seiner und unserer Zeit, wie wir neben ihm keinen anderen besitzen, jedenfalls, was die Universalität des dichterischen ingenium betrifft. (…) Noch stehen wir Thomas Mann zu nahe, ich aber glaube, daß spätere Zeiten vielleicht einmal den Wilhelm Meister, den Grünen Heinrich und den Zauberberg in einem Atem nennen werden. (…) Thomas Mann zwingt uns zur Auseinandersetzung mit seiner Anschauung von Künstler und Künstlertum, mit seiner Weltsicht, der auch wir unmittelbar nahe sind, ob wir wollen oder nicht, wir Menschen des 20. Jahrhunderts, er hat uns als Dichter Endgültiges zu sagen. Verlieren wir in unserer Zeit, wo wir dem ‚Eingepreßtwerden‘ in eine bestimmte Anschauung auf allen Gebieten fast ganz zu verfallen drohen, nicht den Blick für die Vielzahl der Erscheinungen, versinken wir nicht in der Blicklosigkeit, laßt uns auch das, was man heute wegwirft, prüfen, ob es das Wegwerfen wirklich verdient, oder ob es uns nicht im Gegenteil sehr viel zu sagen hat, gerade uns!

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Das war es, was mir am Herzen lag, was ich in einigen nächtlich geschaffenen, aus langem Vertrautsein mit dem Dichter erwachsenen, aber – leider – sehr unwissenschaftlichen Gedanken habe sagen wollen. Thomas Mann, Du großer Dichter, auf Wiedersehen!“

Ein solcher Vortrag im Sommer 1944 über einen exilierten Schriftsteller, der in der BBC regelmäßig das schnelle Ende der Naziführung herbeiwünschte, war nach damaligen Rechtsnormen ein „Heimtückeverbrechen gegen Volk und Staat“. Jens hatte Glück, aber Courage hatte er schon als 13-Jähriger gezeigt. Am 27. April 1936 wurde er wegen seines beliebten, deutlich antinazistisch auftretenden und inhaftierten Lateinlehrers Ernst Fritz von der Gestapo vernommen. Im Protokoll heißt es dazu: „Jens weiß grundsätzlich überhaupt nichts. (…) Es seien keine Witze über Goebbels und Göring erzählt worden. (…) Fritz habe nicht erzählt, wie er einmal von SA-Leuten angerempelt worden sei. Er habe niemals über die jüdische Rasse etwas gesagt. Die Aussagen von Jens sind offenbar unrichtig. Er ist in jeder Weise bemüht, Fritz in Schutz zu nehmen. Ob er diese Stellungnahme aus eigenem Antrieb einnimmt oder von irgend einer Seite hierzu beeinflußt worden ist, konnte ich nicht feststellen.“

Damit sind die Dokumente vorgestellt, die Auskunft über das Verhalten des Schülers und Studenten Walter Jens in der NS-Zeit geben. Würdigt man sie in ihrer Gesamtheit, dann spricht vieles für Jens’ Darstellung, er habe von seiner NSDAP-Mitgliedschaft nichts gewusst und sich niemals aktiv um den Parteieintritt bemüht. Die Schriftstücke und die Befragung noch lebender Kommilitonen zeigen einen Hochbegabten, der sich mehrfach und mit persönlichem Mut gegen den Zeitgeist stellte. 1941/42 probierte er auch völkisches Gedankengut aus.

Stellt man die Ungefestigtheit und Experimentierlust eines nicht einmal 20-Jährigen in Rechnung, dann handelt es sich um eine Bagatelle, die der öffentlichen Erörterung nicht wert ist. Vor allem gilt es stets zu bedenken, wie massiv und für uns Heutige kaum vorstellbar die ideologischen und politischen Zugkräfte waren, denen ein Student der Jahre 1941/44 ausgesetzt war. Weltanschauliche Schwankungen zwischen Anpassung und Abkehr, wie sie diese Biografie zeigt, finden sich auch in den Biografien des deutschen Widerstands. Entscheidend bleibt, dass sich Walter Jens die Möglichkeit zur Umkehr – noch während der NS-Herrschaft – bewahrte.

 
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