Jetzt bleibt zu klären: Ist der Täter ein Irrer, der zur falschen Zeit am falschen Ort auftauchte und unglückseliger weise gerade ein Messer zur Hand hatte? Oder ein kaltblütiger Gewaltverbrecher, der genau wusste, was er tat, als er am 10. September vergangenen Jahres in einem Stockholmer Kaufhaus die schwedische Außenministerin Anna Lindh mit einem Messer so schwer verletzte, dass sie wenige Stunden später trotz Notoperation starb?Das Stockholmer Gericht, das über den 25jährigen Mijailo Mijailovic zu urteilen hat, unterbrach am Montag wie geplant den Prozess nach drei Verhandlungstagen, um den Angeklagten psychiatrisch untersuchen zu lassen. Das wird, heißt es in Stockholm, vier bis fünf Wochen dauern. Dass der junge Mann, der als Sohn serbischer Eltern in Schweden geboren wurde, später aber rund zehn Jahre in Serbien lebte, der Täter ist, steht außer Frage: Er hat gestanden, Zeugen haben ihn identifiziert und mit gentechnischen Untersuchungen ist er überdies zweifelsfrei überführt. Zu klären ist also nur seine psychische Verfassung zur Tatzeit.Aber was heißt hier eigentlich "nur". Ob der Messerstecher die Tat geplant und gewollt hat, ob er die junge Ministerin, kaum dass er sie im NK-Kaufhaus gesichtet hatte, gleichsam ins Visier nahm, sie mit Tötungsabsicht mindestens einige Zeit lang beobachtet hat, um sie dann im passenden Moment zu attackieren – oder ob er tatsächlich, von "inneren Stimmen" zur Tat "gedrängt", die zufällig des Wegs kommende populärste Politikerin des Landes spontan niederstach, obwohl er sie eigentlich nett fand, wie er später aussagte – das ist mehr als eine Randfrage.Das ist eine Kernfrage. Aber nicht die einzige. Die andere – die der Herkunft des Täters – wird nicht weiter debattiert. Nicht wenige Schweden haben die Morduntersuchungen der Polizei und den Prozessverlauf vor Gericht daher mit einer gewissen Skepsis verfolgt.Gewiss, alle sind froh, dass man den Täter gefasst hat und nicht, wie seinerzeit im Fall des ermordeten schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme, bis heute im Dunkeln tappt, jedenfalls rechtlich (der damals wegen der Tat als Einzeltäter verurteilte Hauptverdächtigte musste wegen Verfahrensmängel auf freien Fuß gesetzt werden). Aber viele frage sich doch, wieso Polizei und Gericht offenkundig der Frage eines möglichen politischen Tathindergrunds nicht ernsthaft nach gegangen sind. Im Gegenteil: Die Aussage des Täters, keine politischen Motive gehabt zu haben, wurde im Verfahren von keiner Seite in Frage gestellt. Es ist, schrieb ein Kommentator kürzlich, als wolle man mit derselben Energie, mit der die schwedische Gesellschaft im Fall Palme nach internationalen Verflechtungen und Verschwörungen gesucht hatte (Iran, Südafrika, Rechtsradikale), nun jeden Zweifel am Einzeltäter – sei er ein klinischer oder krimineller Kunde – im Keim ersticken.Der Strafverteidiger, ein prominenter Anwalt und Politiker, Mitglied der an Bedeutung gewinnenden kleinen christdemokratischen Partei aus dem Milieu der Freikirchen, setzt klar auf Unzurechnungsfähigkeit des Täters. Tragische Umstände hätten ihn und sein Opfer zusammen geführt, doch für eine Mordabsicht gebe es keine Anhaltspunkte. Mijailov sei krank, ein Opfer der in der Tat mangelhaften psychiatrischen Versorgung in Schweden, selbst hilfebedürftig, einsam und ein Opfer seiner schwierigen Biographie: Nach turbulenten Kindheitsjahren in Serbien war er als Halbwüchsiger in sein Geburtsland Schweden zurück gekommen, wo er unter seinem gewalttätigen, alkoholkranken Vater zu leiden hatte (später attackierte er diesen mit dem Messer) und später mehrmals durch Aggressivität gegenüber Mädchen auffiel. Er wurde abhängig von Antidepressiva und Aufputschmittel, ein gefährlicher Cocktail, der ihn unberechenbar machte. Doch psychiatrische Gutachter verweigerten ihm einen Platz in einer Klinik, um den er selbst gebeten haben soll. Für die wenigen Plätze in Schwedens abgemagerten Gesundheitssystem war er nicht "krank" genug.Die Anklägerin glaubt dem Täter diese soziale Opferversion nicht. In ihrem Plädoyer wies sie auf vier Punkte hin, die ihrer Ansicht nach die Mordthese erhärten: 1. Mijailov habe offenkundig genau gewusst was er wollte, was unter anderem daraus hervorginge, dass er Anna Lindh länger beobachtet habe und – um sie direkt attackieren zu können – erst deren Begleiterin zu Seite stieß;
2. die Ausführung der Tat sei von ungewöhnlich aggressivem Krafteinsatz geprägt und ganz klar auf die Tötung des Opfers gerichtet gewesen;
3. das anschließende Verhalten des Täters – genaue Kenntnis des Fluchtwegs, Entsorgung der Tatwaffe und der blutbefeckten Kleidung, Veränderung seines Äußeren (Kürzen der Haare) – widerspreche der Bild vom verwirrten und orientierungslosen Spontantäters, der bei der Tat zwanghaft einer inneren Stimme gefolgt sei;
4. bei der anschließenden Taxifahrt habe er auf den Fahrer einen ruhigen Eindruck gemacht und sich mit ihm über seine Probleme mit Mädchen unterhalten. Auf "Panik" und "Psychose" lasse das alles nicht schließen, die offenkundige hoch entwickelte Gewaltbereitschaft des Täters sei noch kein Grund, ihn von seiner Verantwortung zu entbinden. Natürlich hat die Mordtat zwei Vorbedingungen. Anna Lindh war ohne Personenschutz unterwegs. Und Mijailo Mijailov hätte eigentlich nicht frei herum laufen sollen. Daher ist die Spekulation zwar müßig, aber legitim, dass Anna Lindh noch leben könnte, wenn zwei Dinge in Schweden anders organisiert wären: der Personenschutz für Politiker und die Psychiatrie. Den Personenschutz gibt es nach wie vor nur spärlich, für die Königsfamilie und den Regierungschef. Denn dies widerspräche der schwedischen Illusion vom gewaltfreien Zusammenleben in einer angeblich konfliktfreien Gesellschaft am friedlichen Rande Europas.Die psychiatrische Versorgung wiederum straft die Legende vom vorbildlichen schwedischen Sozialstaat Lügen. Sie wurde in mehreren Etappen auf ein Minimalmaß reduziert, zunächst auf Grund idealistischer Reformkonzepte (Schluss mit dem "Wegsperren" der Kranken, Therapie durch Integration), dann auf Grund bürokratischer Vollzugsmängel und organisatorischer Widerstände bei der Umsetzung dieser Reformen, schließlich immer mehr unter dem Diktat von Sparzwängen. Man musste schon sehr krank – zum Beispiel unübersehbar gemeingefährlich – sein, um einen Klinikplatz zu finden.In jüngster Zeit gab es denn auch mehrere aufsehen erregende Fälle von "ausgerasteten" Totschlägern (mit Messer, Stahlrohren oder Auto), die "innere Stimmen" gehört hatten und vorher vergebens um psychiatrische Hilfe gebeten hatten. Über beide Aspekte wird inzwischen verstärkt diskutiert, vor allem über eine radikale Reform der seinerzeitigen Psychiatriereform.Das dritte Problemthema fehlt: die Mängel der schwedischen Integrationspolitik. Die reale ethnische "Exklusion" ist nach Ansicht von Experten ein Grund für eine wachsende Gewaltbereitschaft im Milieu der Zugewanderten innerhalb einer stark veränderten Gesellschaft, in der viele immer noch den Traum von der unveränderlichen nordischen Homogenität träumen. Was das mit den Prozess gegen Mijailov zu tun hat, formuliert der schwedische Verleger Svante Weyler so: "Wie weit die Gewalttätigkeit des Mörders von Anna Lindh hier ihre Ursachen hat, kommt in diesem Prozess überhaupt nicht zur Sprache." Das wäre nicht korrekt.Das Ergebnis des psychiatrischen Gutachtens über Mijailov muss sich auf die Frage beschränken: kriminell oder irre, Mörder oder Totschläger. So bleiben die Grenzen des Multikulturalismus – bis auf weiteres – das letzte große schwedische Tabu.Sehr gute Berichte für schwedisch-Sprecher:dagens nyheter