Konzernchefs auf der Anklagebank, ein Prozess wegen Millionenprämien für Manager? Das kann nur der typisch deutsche Neidkomplex sein! "Wach auf, Deutschland", schimpft Josef Ackermann, der an gerichtsfreien Tagen die Deutsche Bank führt; einen "Schlag gegen den Wirtschaftsstandort Deutschland" beklagt CDU-Chefin Angela Merkel. Und Wirtschaftsminister Wolfgang Clement sah die Anklage gegen Ackermann und Konsorten schon als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen gar nicht gern.

Zum Glück haben sich die Staatsanwälte nicht beirren lassen. Der Mannesmann-Prozess wird den Standort D nicht schwächen, sondern stärken.

Verdienst kommt von Dienen

Juristisch gesehen, geht es vor dem Düsseldorfer Landgericht um die Details der Mannesmann-Übernahme durch den britischen Mobilfunkkonzern Vodafone. Genauer: Es geht um 111 Millionen Mark, die damals, im Frühjahr 2000 an Vorstandschef Klaus Esser, sein Team und ehemalige Spitzenmanager von Mannesmann geflossen sind. Vier Mitglieder des Aufsichtsrats, darunter Ackermann und der damalige IG-Metall-Chef Klaus Zwickel, beschlossen die anstößigen Prämien. Durften sie Esser mit einem "goldenen Fallschirm" abspringen lassen, ohne dass es einen entsprechenden Passus in dessen Arbeitsvertrag gab? Wurden Sitzungsprotokolle gefälscht? Untreue und Beihilfe zur Untreue nennen das die Staatsanwälte. Mehr als 460 Seiten umfasst die Anklageschrift, dazu kommen 37 Bände Hauptakten, 20 Sonderbände und 40 Ordner Beweismittel. Viel spricht dafür, dass man sich zu Prozessbeginn in komplizierten Verfahrensfragen festbeißen wird.

Wegweisend ist dieser Prozess aber nicht aus juristischen Gründen allein. Das Düsseldorfer Verfahren eröffnet endlich die überfällige Diskussion darüber, wie Markt und Moral wiedervereint werden können. Warum haben so viele Chefs vergessen, dass Verdienst von Dienen kommt und nicht von Selbstbedienung? Wieso versagen die Aufsichtsräte regelmäßig, obwohl sie doch nur eine einzige Aufgabe haben – die Manager zu kontrollieren? Weshalb fallen Wirtschaftsprüfern die Ungereimtheiten einer Bilanz erst auf, nachdem sie ihr Testat vergeben haben?

Im Mannesmann-Verfahren sind die Rollen klar verteilt. Hier die Staatsanwälte, die alles daransetzen werden, den spektakulärsten deutschen Wirtschaftsprozess zu einem spektakulären Ende zu führen. Dort die Angeklagten: Josef Ackermann, der doch nichts anderes tat, als Prämien zu genehmigen, wie er sie seinen Investmentbankern jedes Jahr gewährt; Joachim Funk, damals Mannesmann-Aufsichtsratschef, der sich angeblich eine eigene Prämie von sechs Millionen Mark verschaffte; Klaus Zwickel, der von der Millionenbescherung erst nichts gewusst haben wollte und sich dann in Widersprüche verhedderte; dazu Vorstandschef Esser, Betriebsrat Ladberg und Ex-Personalchef Droste. Sechs Angeklagte, eine einzige Verteidigung: International gesehen, seien die Summen des Jahres 2000 "absolut üblich" gewesen.

Tatsächlich hat die Sache eine internationale Dimension – aber eine ganz andere, als die Angeklagten meinen. Längst regt sich weltweit Widerstand gegen die Gehaltsexzesse in den Vorstandsetagen. Tyco-Chef Dennis Kozlowski genehmigte sich ein Jahressalär von 40 Millionen Dollar, heute wird er von den Amerikanern verachtet. ABB-Chef Percy Barnevik ließ sich mehr als 100 Millionen Euro Pension auszahlen – und wurde vom Idol zum Buhmann. Den New Yorker Börsenchef Richard Grasso haben sie vor die Tür gesetzt, weil er ein 140-Millionen-Dollar-Gehaltspaket verlangte.