Auschwitz als »Zivilisationsbruch« – darüber ist viel geschrieben und orakelt worden. Immer wieder klingt dabei die Vorstellung an, der Holocaust wäre wie ein Verhängnis über die Welt gekommen und Hitler wäre nichts als ein perfider Zufall der deutschen Geschichte, sein Regime ein grausamer Streich des Schicksals gewesen. Tatsächlich aber hat sich Auschwitz, hat sich der große Mord über Jahrzehnte, ja ein ganzes Jahrhundert hin in Deutschland vorbereitet, fast könnte man sagen: angebahnt. Doch so viel wir heute über das antisemitische Milieu des Kaiserreichs wissen, das unmittelbar zum Nährboden für den Nationalsozialismus wurde, so diffus sind immer noch unsere Kenntnisse von den Anfängen des eliminatorischen, des auf Vernichtung zielenden Antisemitismus, die sich wesentlich früher finden.

Wann Adolf Hitler den Befehl zur »Endlösung der Judenfrage« gab, ist bis heute ungeklärt.
Doch genauso wichtig bleibt die Frage, wann in Deutschland die "gewöhnliche", christlich geprägte Judenfeindschaft umschlug in nationalistisch gefärbten antisemistischen Hass.
Die Namen Ernst Moritz Arndt und Friedrich Ludwig Jahn sind in diesem Zusammenhang oft genannt worden.
Der glühendste Antisemit jener Inkubationszeit im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts allerdings war Hartwig Hundt-Radowsky (1780 bis 1835) aus Mecklenburg.
In seinen Schriften, die sich ins Paranoide steigern, ist der Fanatismus Julius Streichers oder Joseph Goebbels’ schon vorweggenommen.
Mit Recht lässt sich sagen, dass hier der Weg nach Auschwitz seinen Anfang nahm.

Sie liegen im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts und verbinden sich mit der frühen deutschen Nationalbewegung, die im Kampf gegen Napoleon entstand. Vor allem ein Mann tritt hier in den Vordergrund, dessen Name heute unter Zeithistorikern und NS-Forschern seltsamerweise so gut wie vergessen ist: Joachim Hartwig Hundt-Radowsky. Dabei hat er hierzulande als Erster die völlige Ausrottung der Juden propagiert, und seine fanatischen Schriften befeuerten bis ins 20.Jahrhundert hinein den antisemitischen Wahn.

Sein Lebensweg – zwischen nationalem Aufbegehren und wüsten Vernichtungsfantasien – steht für manchen seiner Zeit. Am 15. Mai 1780 wird er als zweitältester Sohn des mecklenburgischen herzogl. tit. Amtmanns und Gutsbesitzers Johann Hartwig Hundt auf dem Allodialgut Schlieven bei Parchim geboren und evangelisch getauft. Nach der Ausbildung durch Hauslehrer und Jahren am Gymnasium in Parchim arbeitet er zunächst als Landwirt auf den väterlichen Gütern. Im Juni 1802 heiratet er die Parchimer Pastorentochter Lucie Seidel. Warum er seinem Namen später den Zusatz Radowsky angefügt hat, bleibt ungeklärt; wenn es ihm opportun erschien, gab er zudem gern noch ein Adelsprädikat hinzu.

Von Ehmkendorf, das sich kurzzeitig im Besitz seiner Familie befindet, wechselt Hundt im Jahre 1803 auf das Lehngut Goldberg im ritterschaftlichen Amt Neubukow. Bereits 1805 will er dieses Gut wieder abstoßen, gerät im Jahr darauf in Konkurs und muss Goldberg seinen Kreditgebern überlassen. Finanziell angeschlagen, geht der junge Mann nach Helmstedt, wo er von 1806 bis 1809 Jura studiert. Hier schreibt er auch sein erstes Büchlein Blüten des Lebens, eine Sammlung trivialromantischer Liebesgedichte und -erzählungen, die 1807 in Berlin erscheint und seiner Frau gewidmet ist. Anschließend übernimmt er in Parchim die Stelle eines Hof- und Landgerichtsadvokaten.

Kastrieren, verschleppen, umbringen – Hundts Hass kennt keine Schranken

Doch Hundt fühlt sich zur Kunst berufen und beschließt, Schriftsteller zu werden. 1813 gibt er seine Tätigkeit auf, verlässt Frau und Sohn und zieht nach Berlin. Dort lernt er Friedrich Ludwig Jahn und andere nationalistische Agitatoren kennen. Hundts in Grundzügen wohl bereits vorhandene Judenfeindlichkeit (sein Vater scheint antijüdisch eingestellt gewesen zu sein) dürfte sich bei diesem Umgang noch verstärkt haben. Er verfasst rachsüchtige antinapoleonische Kriegslyrik (kompiliert in Harfe und Speer, Berlin und Leipzig 1815), dazu einige Geschichten und Artikel.

Die Deutsch-Nationalen des frühen 19. Jahrhunderts sehen sich in der Verlegenheit, ihre Nation, ihr »Volk« und das, was als »volklich«, volkstümlich rechterdings würde Geltung beanspruchen dürfen, erst einmal erfinden zu müssen. Für die »Germanomanen« (wie der jüdische Religionsphilosoph Saul Ascher sie nannte) definiert sich die Nation über das Blut und die Abstammung – ein bewusstes Gegenkonzept zum Prinzip der revolutionären französischen Staatsbürgernation. Eifrig machen sie sich daran, ihr »Volk« aus Elementen zu formen, die sie in Sprache und Geschichte, in Natur und Geografie zu entdecken glauben. Weit greifen sie dabei zurück in eine idealisierte, mythisch interpretierte germanisch-nordische Vergangenheit, auf dunkle Mächte zumal, die nach ihrer Vorstellung das »volkliche« Wesen auch in der Gegenwart bestimmen.

Die Deutschen, so schreibt in jenen Tagen der einflussreiche nationalistische Publizist und Dichter Ernst Moritz Arndt, dem später die Nazis als ihrem »weltanschaulichen« Vordenker huldigten, seien nicht »verbastardet, keine Mischlinge geworden«, sondern auf ihrer »Urerde« über Jahrtausende hinweg rassisch »rein« geblieben. Aktuell drohe dem »germanischen Wesen« freilich größte Gefahr – durch die Franzosen und die Juden, die er mit »Ungeziefer« vergleicht. »Verflucht aber sei die Humanität und der Kosmopolitismus, womit ihr prahlet! Jener allweltliche Judensinn, den ihr uns preist als den höchsten Gipfel menschlicher Bildung« – mit solchen Worten bringt Arndt 1814 den äußeren und den imaginierten inneren Feind propagandistisch geschickt auf einen Begriff.