Antisemitismus Vordenker des HolocaustSeite 4/4

Das monomanische Welt- und Wahnbild des Joachim Hartwig Hundt-Radowsky ist jetzt wasserdicht. Alles Schlechte in der Welt wird von den Juden verschuldet. Grundsätzlich kann damit jeder gemeint sein, unabhängig von seiner tatsächlichen Herkunft. Die Ausrottungspraxis, einmal in Gang gesetzt, brauchte mit der Tötung der wirklichen Juden längst nicht ihr Ende zu finden. Der Fanatismus der Germanomanen, hatte Saul Ascher bereits im Jahre 1815 hellsichtig formuliert, bleibe nicht dabei stehen, »die Juden seine Geißel fühlen zu lassen«. Er kenne keine Grenzen. Von seinen wüstesten Hetzwerken, dem Judenspiegel und der Judenschule, hat sich Hundt-Radowsky nie distanziert. Im Gegenteil: Mit der Wiederauflage Letzterer wollte er 1830, nach der Pariser Julirevolution, die Bevölkerung erneut zum Pogrom aufstacheln. Offen blutgierige Attacken gegen die Juden hat er danach zwar nicht mehr wiederholt, ein Fanatiker ist Hundt aber geblieben. Noch sein letztes Werk, eine autobiografisch gefärbte Jugendgeschichte (Wiechart, oder Bruchstücke aus dem Leben eines alten Demagogen, Liestal 1835), enthält antisemitische Schmähungen. In dem 1828 publizierten Neuen Judenspiegel mildert er, sich opportunistisch der liberalen Opposition empfehlend, seine Eliminierungsforderungen ab: Hundts Bestreben richtet sich hier, ganz christlich-antijudaisch, »nur mehr« auf die Auslöschung der jüdischen Religion, die »Erziehbarkeit« mancher Juden soll anerkannt sein. Als Voraussetzung verlangt er von ihnen, wie schon Arndt, die Aufgabe ihrer Religion und Kultur.

Doch bereits 1830 erscheint in Stuttgart der dreibändige Christenspiegel , an dem Hundt seit Mitte der zwanziger Jahre gearbeitet hat. Darin attackiert er das Christentum und seine »orthodoxen« Vertreter als verjudet und deshalb die Welt verderbend. Er fordert, die christlichen Konfessionen müssten sich »von dem faulichten Urstamm« ihrer Religion, dem Alten Testament, lösen. »Jahwe oder Jesus« – auch was die von späteren Antisemiten oft beschworene »Entjudung des Christentums« angeht, ist Hundt Avantgarde.

Das Exil führt ihn in den zwanziger Jahren ins appenzellische Bühler, dann in die Gemeinde Speicher, wo er von 1825 an bei einem Freund wohnt. Gilt er seinen Anhängern in der Schweiz als aufrechter Radikaler – noch die Appenzellischen Jahrbücher von 1908 nennen Hundt einen »von hartem Schicksale verfolgten, ernsten, edelgesinnten und aussergewöhnlichen Mann und Gelehrten« –, sehen einige Einheimische wegen seiner Polemik gegen die »orthodoxe« Geistlichkeit aller Konfessionen in ihm geradezu den Leibhaftigen. Weil ihn Beamte und Seelsorger der Gottlosigkeit und Gotteslästerei beschuldigen, wird Hundt im Dezember 1828 vom Großen Rat des Kantons aus Appenzell-Außerrhoden ausgewiesen. Von aufgebrachten Gläubigen bedroht, muss er schleunigst das Weite suchen.

Ein Versuch, sich in Liestal bei Basel niederzulassen, scheitert, auch dort ist Hundt bald unerwünscht. Im Herbst 1831 gelingt es ihm, sich einen in Stuttgart ausgestellten Pass zu besorgen, mit dem er im Januar 1832 nach Straßburg reist. Hier gibt er die antilegitimistische Zeitschrift Die Geissel heraus, die aber mit dem zweiten Heft eingestellt wird. Im April 1833 muss er die Stadt verlassen und wendet sich nach Nancy, wo er bis zum Frühjahr 1834 bleibt. Anschließend geht er zurück in die Schweiz. Aus Liestal wiederum ausgewiesen, wird sein letzter Zufluchtsort Burgdorf im Kanton Bern.

Vereinsamt, »zum Bettler herabgesunken und sehr elend«, wie es in den Polizeiakten heißt, haust er am Ende »fortwährend zu Burgdorf in einer ärmlichen Kneipe«, wo er nicht zuletzt »durch den übermäßigen Genuß geistiger Getränke in die krasseste Gemeinheit« verfallen sei. »In seiner geistigen Produktivität gänzlich gelähmt, auch körperlich herabgewürdigt«, stirbt er am 15. August 1835. Auf dem neuen Kirchhof in Burgdorf wird er zwei Tage später beigesetzt. Das Grab existiert längst nicht mehr. Doch während Hundt in Vergessenheit geriet (nicht einmal ein Porträt von ihm hat sich bewahrt), keimten und wucherten seine Hassfantasien weiter – eine höllische Saat, die hundert Jahre später blutig aufgehen sollte.

Der Autor ist Historiker und lebt in Würzburg

 
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