Berlin, Alexanderplatz 6. Die gläserne Pforte des schmucklosen Baus aus DDR-Zeiten passieren seit Wochen Angehörige der deutschen Wirtschaftselite: Eigentümer von Kraftwerken und Raffinerien, von Stahlhütten, Kalkbrennereien und Zementöfen. Die Lobbyisten bedrängen den grünen Umweltminister Jürgen Trittin, von Vorhaben abzulassen, die die deutsche Wirtschaft, so ihre eindringliche Warnung, weiter ins Hintertreffen geraten ließen.

Tatsächlich hat sich der Umweltminister viel vorgenommen. Klimafreundliche Energien will er wettbewerbsfähig machen und zudem die volkswirtschaftlichen Kosten des Klimaschutzes auf ein Minimum drücken. Atommeiler sollen deshalb vom Netz, Ökostromfabriken an die Spitze des Weltmarktes. Kohle- und Gaskraftwerke sollen künftig effizienter Strom produzieren – und ihre Betreiber zur Kasse gebeten werden, wenn sie mehr Kohlendioxid (CO2) als erlaubt in die Luft blasen. Außerdem will der Minister bundesweit Strom einsparen. "Wir werden 2020 insgesamt weniger Energie verbrauchen als heute", verspricht der Grüne.

Erreichen möchte er all dies mit zwei Gesetzen, die derzeit zur Beratung im Bundestag und Bundesrat anstehen: dem Erneuerbare-Energien-Gesetz und dem Treibhausemissionshandelsgesetz. Spätestens bis 2020, so Trittins Ziel, sollen erneuerbare Energien rund ein Fünftel des heutigen Strombedarfs decken. Um dieses Ziel zu verwirklichen, erhalten zukünftig laut Gesetzentwurf Produzenten von Ökostrom weiterhin für jede Kilowattstunde eine feste Vergütung, die auf alle Stromverbraucher umgelegt wird und mit derzeit 1,10 Euro im Monat für jeden Haushalt zu Buche schlägt. Damit setzte der Grünen-Minister sein Modell gegen SPD-Kollege und Wirtschaftsminister Wolfgang Clement durch, der für Ausschreibung statt Festvergütung plädierte. Ganz verzichtet Trittin allerdings nicht auf marktwirtschaftliche Anreize: Mittels eingebauter Degression der vorgesehenen Förderung soll grüner Strom spätestens in 15 Jahren wettbewerbsfähig sein und dann ganz ohne staatliche Finanzhilfen auskommen.

Die Ökostromfabriken möchte der Grüne außerdem zu Exportschlagern made in Germany machen. Neben den Windmüllern sollen auch Fotovoltaik-Hersteller "Technologie-Weltmeister" werden.Kritik, teurer Solarstrom treibe die deutsche Wirtschaft in den Ruin, setzt Trittin industriepolitische Ideen entgegen. Die Bundesrepublik müsse "global denken", verweist er auf Studien des US-amerikanischen World-Watch-Instituts und des Ölmultis Shell, die der Fotovoltaik das Potenzial bescheinigen, im Jahr 2050 ein Drittel der Weltbevölkerung mit Strom zu versorgen. "Die Technologien dazu entwickeln nicht die Länder der Dritten Welt, sondern wir", so Trittin. In Deutschland wächst die Branche dank staatlicher Förderung schon seit Jahren im zweistelligen Prozentbereich. 2003 erwirtschafteten die 6000 Beschäftigten etwa 650 Millionen Euro Umsatz. Für das laufende Jahr sagte die Entwicklungsbank KfW bereits 670 Millionen Euro an Krediten zu und schob damit Investitionen von 2,4 Milliarden Euro an.

Dafür, dass auch traditionelle Energieerzeuger Ökokriterien berücksichtigen sollen, möchte der Umweltminister den von der EU vorgeschriebenen Emissionshandel nutzen. Dessen Prinzip: Für jede Tonne Kohlendioxid, die ein Unternehmen über ein vom Staat gebilligtes Maß hinaus emittiert, muss gezahlt werden – ein Anreiz, das Klima zu schonen. Der Ex-Linke Trittin hat nun den Schlüssel zur Verteilung von nationalen Erlaubnisscheinen für die Emission von genau definierten 473 Millionen Tonnen Kohlendioxid in der Hand, die in Deutschland von 2005 an rund 2600 Kraftwerke, Stahlhütten und andere Produktionsbetriebe zum Ausstoß des Klimakillers berechtigen. Wer heimlich CO2 in die Atmosphäre bläst, muss mit saftigen Strafen rechnen. Wer die Luft stärker verpestet, muss zusätzliche Zertifikate von jenen Fabriken erwerben, die ihr Kontingent nicht ausnutzen. Dieses cap and trade, das Zusammenspiel von Deckelung der Emissionen und Zertifikatehandel, drückt die volkswirtschaftlichen Kosten für den Klimaschutz auf ein Minimum. Etwa 500 Millionen Euro jährlich könnte die deutsche Industrie einsparen, hat Trittin ausrechnen lassen. Doch ausgerechnet Wirtschaftsminister Clement sieht die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes Deutschland durch den "hoch sensiblen" Emissionshandel bedroht – und warnt vor "Struktureinschnitten".

Während vor und hinter den Kulissen um die Verteilung der begrenzt verfügbaren Zertifikate gerungen wird – geschätzter Wert: fünf Milliarden Euro –, trat der Bundesumweltminister vergangene Woche mit seinen marktwirtschaftlichen Ideen erstmals vor den Bundestag – und signalisierte der Industrie Entgegenkommen. Tatsächlich versprach er, alle Anlagen kostenlos mit Erlaubnisscheinen auszurüsten. Und er will alle belohnen, die alte Dreckschleudern durch effiziente Anlagen ersetzen: Sie sollen die ursprüngliche Menge an Zertifikaten behalten dürfen – entweder um sie lukrativ zu verkaufen oder um die Produktion ausweiten zu können, ohne eigens dafür neue Zertifikate kaufen zu müssen. Außerdem ist Trittin bereit, emissionsmindernde Investitionen der vergangenen Jahre durch zusätzliche Emissionsgenehmigungen zu honorieren – ein Bonus an die Braunkohlekraftwerke in Ostdeutschland.

Zu viel Freiheit, befand die deutsche Industrie, die den Emissionshandel grundsätzlich ablehnt. Ihre Selbstverpflichtung, bis 2010 rund 45 Millionen Tonnen Kohlendioxid weniger im Vergleich zu 1998 zu emittieren, sei besser ohne "bürokratische Vorschriften" zu erreichen, heißt es beim Branchenverband der Elektrizitätswirtschaft (VDEW).

Gleichwohl nutzt die Branche die hitzige Debatte, um ihr selbst gestecktes Ziel aufzuweichen: Die Betreiber der Kernkraftwerke wollen sich den "staatlich verordneten Ausstieg aus der Kernenergie" mit zusätzlichen Berechtigungsscheinen für 25 Millionen Tonnen CO2 versilbern lassen. Im Kampf um die Pole-Position bei der Verteilung der Zertifikate schreckt der Düsseldorfer Stromriese E.on nicht einmal davor zurück, auch für ebenjenen Atommeiler Stade, der nach den Worten des E.on-Vorstands Walter Hohlefelder "aus rein betriebswirtschaftlichen Gründen" im November 2003 vom Netz ging, zusätzliche Emissionsberechtigungen zu verlangen.