Jeder protestiert auf seine Weise. Während die Berliner Studenten Parolen auf nackter Haut zeigten und die Münchner "Studienplätzchen" verteilten, bitten die Wirtschaftswissenschaftler von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt um Geld von ihren Kommilitonen. "Auch Spendensammeln ist eine Form des Protestes", sagt Nikolay Kolev. "Im Gegensatz zu manchen anderen Aktionen aber eine konstruktive." Mit den Beiträgen wollen der 22-Jährige und seine Mitstreiter vom studentischen Förderverein zum Beispiel Assistentenstellen bezahlen, an denen Staat und Kirche sparen wollen. "Warum sollen Studierende für ihre Ausbildung nicht einen regelmäßigen Eigenbeitrag leisten, wenn sich andere Formen der Finanzierung erschöpft haben?", fragt Kolev.

Was die Ingolstädter Studenten noch "absolut freiwillig" einüben, könnte vom nächstem Jahr an für viele Studenten zur Pflicht werden: vom ersten Semester an für die Ausbildung zu zahlen. Anfang der siebziger Jahre waren an deutschen Universitäten die letzten Gebühren, so genannte Hörgelder, abgeschafft worden. Drei Jahrzehnte lang galten Studienbeiträge bei Sozialdemokraten wie Bürgerlichen, bei Studenten wie Professoren als Tabu. Dieser bildungspolitische Konsens ist endgültig zerbrochen.

In überraschend kurzer Zeit verliert der einstige All-Parteien-Verein der Gebührengegner seine Mitglieder. Erst änderten die Hochschulrektoren ihre Meinung, dann kippte ein Christdemokrat nach dem anderen. Mittlerweile ist das Gebührenverbot in ihrer Partei "kein Thema mehr", sagt CDU-Bildungsexpertin Katherina Reiche. Kommende Woche wird ihre Fraktion im Bundestag beantragen, das Gebührenverbot abzuschaffen. Auch unter den Grünen rückt fast täglich ein neuer Spitzenpolitiker vom Beschluss ab, das Studium beitragsfrei zu halten. Und selbst Sozialdemokraten müssen ihr Bekenntnis zum Bezahlstudium nicht mehr "als Privatmeinung" kaschieren.

Mancher der neuen Gebührenfreunde mag tatsächlich glauben, dass Semesterbeiträge allein die Hochschulmisere beheben. Der Blick in andere Länder zeigt, dass dies so einfach nicht ist. Denn die Studentenabgaben kommen dort vor allem einem zugute: dem Staat, der damit Etatlöcher stopft. So wurden zum Beispiel in Australien, hierzulande gern als Vorbild gepriesen, nach der Einführung von Studiengebühren die staatlichen Zuschüsse für die Hochschulen Stück für Stück gesenkt – und die studentischen Beiträge immer weiter angehoben (siehe Artikel Seite 30). Auch in Österreich und England profitiert der Staat. Und die Straf- und Verwaltungsgebühren, die einige Bundesländer in Deutschland seit kurzem erheben, fließen meist direkt in die Kasse der Finanzminister.

Andererseits sind jene Argumente nicht von der Hand zu weisen, die viele ehemalige Gegner von Gebühren zu Befürwortern haben werden lassen:

Die Geldnot der Hochschulen. Rund vier Milliarden Euro fehlen Universitäten und Fachhochschulen für die Renovierung ihrer Hörsäle und Labors, den Kauf von Büchern, die bessere Betreuung der Studenten. Auf einen Professor kommen heute 53 Studenten – vor 30 Jahren waren es 20 weniger. Angesichts der leeren öffentlichen Kassen glaubt niemand daran, dass die nötigen Mittel dazu irgendwann vom Staat kommen.

Die soziale Schieflage der Bildungsfinanzierung . Bislang trägt der Staat allein die Kosten eines Unistudiums – während angehende Altenpfleger oder Logopäden für ihre Ausbildung selbst aufkommen müssen. Dabei zahlen Akademiker die Subvention im späteren Berufsleben "nicht annähernd durch höhere Steuern zurück", hat Karl-Dieter Grüske, Rektor und Finanzwissenschaftler an der Universität Erlangen-Nürnberg, errechnet. Je nach Fach bleibe eine Finanzierungslücke zwischen rund 25000 Euro (Wirtschaftswissenschaften) und 60000 Euro (Mediziner).

Das fehlende Qualitätsbewusstsein in der Lehre. Heute bringt es Universitäten finanziell wenig, wenn ihre Dozenten vorbereitet in die Vorlesungen gehen oder Fachbereiche eine gute Studienberatung bieten. Auch Studenten haben kaum Anlass, zielgerichtet zum Examen zu kommen. Frühestens nach 14 Semestern bitten Bundesländer wie Baden-Württemberg und Niedersachsen zur Kasse.