Man weiß doch, wozu Bankenfusionen führen: Stellen werden gestrichen und überlappende Geschäftsbereiche entfernt, am Ende entstehen kundenferne Unternehmenskolosse, die mit anderen Riesen konkurrieren. Haben nicht gerade die amerikanischen Großbanken J.P. Morgan Chase und Bank One angekündigt, dass bei ihrer bevorstehenden Hochzeit 2,2 Milliarden Dollar gespart werden? Die Kombination der beiden Unternehmen wird 2300 Filialen zählen und 1,1 Billionen Dollar Verwaltungsvermögen, bloß die Citigroup ist größer. Das im Oktober angekündigte Gemeinschaftsunternehmen aus Bank of America und Fleet Boston ist ihr dicht auf den Fersen, und weitere Hochzeiten werden angebahnt.

Der Vergleich mit dem Fusionsfieber der späten neunziger Jahre liegt auf der Hand, doch kann er in die Irre führen. Das neue Fusionsfieber wird nämlich paradoxerweise auch einen gegenläufigen Trend stärken: den zu mehr Banken vor Ort nämlich.

In den neunziger Jahren fusionierten Großbanken hauptsächlich, um ihr Investmentbanking zusammenzulegen, das damalige Boomgeschäft rings um Börsengänge, Firmendeals und den Verkauf von Wertpapieren. Doch nach den Rezessionsjahren und schlappen Erträgen der Investmentbanker liegt das Augenmerk inzwischen anderswo: im klassischen "Retail-Geschäft" mit Krediten, Hypotheken, Geldanlagen und Plastikkarten. Die Eigenkapitalrendite der US-Banken hat sich seit Ende 2002 rapide erholt und betrug zuletzt stolze 13,5 Prozent – dank niedriger Zinsen und eines erfolgreichen Retail-Geschäfts. In Deutschland erreichten selbst die vergleichsweise profitablen Sparkassen nur etwa 9 Prozent, und Großbanken landeten im Minus.

Größe ist eben nicht alles – auch nicht in den USA. Dort änderten Gesetze in den neunziger Jahren die Bankenlandschaft und erlaubten gewaltige Zusammenschlüsse – es kam binnen eines Jahrzehnts zu mehr als 3200 Bankenfusionen. Die Zahl der gemeldeten Banken sank um fast die Hälfte auf knapp 8000. Doch im Retail-Banking führte diese Konzentration zu einem interessanten Paradox: Die Zahl der Geschäftsstellen im ganzen Land legte in der gleichen Zeit zu – allein von 1993 bis 2002 um acht Prozent, und dieser Trend ist bis heute ungebrochen. Vor allem auf dem platten Land verzeichnete eine Studie des Federal Reserve Board kürzlich erhebliche Verbesserungen: größere Auswahl, eine bessere Qualifikation der Bankmitarbeiter, besserer Service, günstigere Kredite. Das sind die Vorteile verstärkten Wettbewerbs.

In diesem Geschäft sind die kaufwütigen Großbanken keineswegs unter sich. Neben den zuletzt knapp 8000 Banken gibt es nämlich noch 10000 credit unions: genossenschaftlich geführte Kreditinstitute. Zusätzlich sind rund 1000 thrifts im Spiel, eine Art örtlicher Sparkassen- und Kreditgesellschaften. Die Kleinen sind auf Wachstumskurs, die Bilanzsumme der credit unions wuchs zuletzt um 11 Prozent im Jahr. "Kleinere Banken und Kreditgesellschaften werden ihre Einlagen um drei Prozent schneller als die großen steigern", sagt die First Manhattan Consulting Group voraus.

Denn trotz aller Bemühungen der Riesen bieten viele örtliche US-Banken bislang noch Vorteile. Banken mit mehr als einer Milliarde Bilanzsumme sind auch in den USA weniger geneigt, Kredite an den Mittelstand zu vergeben; kleine Banken kassieren im Schnitt geringere Gebühren und "versteckte" Kosten wie Überziehungsstrafen und Bearbeitungsgebühren. "Die zwei Riesen sind so kundenunfreundlich, dass sie quasi das Marketing für uns erledigen", spottete zum Wochenbeginn Vernon Hill über die jüngste Großfusion am US-Bankenmarkt – er leitet die New Yorker Commerce Bancorp, die sich auf Kleinkunden spezialisiert.

Natürlich, solche Dinge ändern sich, und die neuen Riesen wollen im Retail-Banking zu flächendeckenden Riesen von nebenan werden. Einen Vorteil hat Größe: Riesenbanken kommen billiger an das Geld, das sie verleihen. Doch dieser Vorteil ist im Filialgeschäft eben nur einer von vielen Faktoren.