Berlin Kaputt, dreckig und voller Ideen
Keine deutsche Stadt fasziniert Künstler, Musiker, Modeleute und Werber so wie Berlin. Sie hat Hamburg und Köln den Rang abgelaufen
Langsam, alles geht ganz langsam hier. Markus Ebner hat das sofort gespürt. Die Langsamkeit hat ihn angezogen, weil er zu schnell gelebt hat in den letzten Jahren, aber vielleicht kommt es auf die Geschwindigkeit des großen Ganzen gar nicht an, sondern auf die Schwingung der Teilchen – also darauf, ob alles von innen in Bewegung ist. Falls man eine Stadt als physikalischen Körper sehen kann. Ebner ist noch nicht lange in Berlin.
Im vorderen Raum seines Büros gibt es ein paar Monate nach dem Einzug immer noch kein Licht. Die Bildschirme werfen einen unwirklichen Schimmer in den ehemaligen Ladenraum, während draußen die Dämmerung über eine leere, baumbestandene Straße fällt. Markus Ebner hat hier sein Modemagazin Achtung produziert, das im Herbst zum ersten Mal erschienen ist. Die nächste Ausgabe wird im Frühjahr herauskommen, drei oder vier sind geplant im Jahr, mehr muss nicht sein – Hauptsache, Berlin hat endlich eine Zeitschrift, die sich nur mit Mode beschäftigt. Eine Stadt mit »so viel Glanz, so viel Dreck« braucht Achtung . Eine solche Stadt braucht Leute wie Ebner.
Er ist so etwas wie ein Pionier. Er trägt eine Anzughose, eine knallblaue Kapuzenjacke und eine ebenso leuchtende Baseballmütze; er ist 34 Jahre alt. Zuvor arbeitete er in New York, für Designer wie Helmut Lang und Marc Jacobs, war Modechef bei Details. Er hat gute Kontakte in der Branche. Die Anzeigen in seinem Magazin seien tatsächlich bezahlt, sagt er, und nicht verschenkt, wie das üblich sei, um Eindruck zu schinden bei professionellen Lesern. Es ist dunkel geworden im Büro. Ebner ist vom Licht verlassen und von seinen Mitarbeitern, aber der Verlag gehört ihm, und ihm gehört der Stolz auf sein Produkt. Er hat es Achtung genannt, »damit alle merken, was in Berlin und Deutschland für aufregende Dinge geschehen«. Die Auflage beträgt nur 10000 Stück, na ja. Durch die großen Fenster guckt keiner, niemand läuft vorbei.
Ebner ist gerade erst angekommen, gelockt vom Traum der Freiheit, wie viele vor ihm seit dem Mauerfall. Vier Jahre nach der Metamorphose zum Regierungssitz, nach der großen Berlin-Euphorie, ist es in den Medien stiller geworden um die Stadt mit den vielen Rissen, die immer noch nicht gekittet sind. Doch Menschen, die Freiräume suchen, kommen nach wie vor – Künstler, Fotografen, Schriftsteller, Musiker, Werber. Sie drängen in immer noch halbwegs günstige Wohnungen, Büros und Ateliers; manchmal tut es eben eine Ofenheizung. Sogar New Yorker schwärmen von Berlin, mehr noch als die nörgelnd-neidischen Nicht-Berliner unter den Deutschen; Berlin erinnert New Yorker an die Zeit, als ihre Stadt auch mal fast pleite und ziemlich spannend war. Fast 800 Fernseh- und Spielfilmproduktionen gibt es in Berlin, mehr als in Hamburg, und 350 Galerien, mehr als in Köln; die Zahl der Werbeagenturen ist auf 860 angewachsen. Die Neuankömmlinge haben die Hauptstadt zum kreativsten Ort Deutschlands gemacht – obwohl es in Berlin nur wenige große Firmen gibt und schöpferische Dienstleistungen eigentlich kaum einer braucht.
Auf den festen Job und gutes Geld kommt es den meisten Neu-Berlinern aber offenbar gar nicht an. Viele ziehen in dieselben Viertel, nach Mitte und an den Prenzlauer Berg, wo die Fußgänger in manchen Straßen alle jünger als 30 Jahre sind und aussehen, als kämen sie direkt aus einem Viva-Videoclip. Weil alle etwas Kreatives tun, trifft man den gleichen Menschenschlag bei der Arbeit, in der Bar und im Club, wo man dann wieder über die Arbeit reden und Kontakte knüpfen kann.
Mehrere Zeitschriften sind in den letzten Monaten in diesem Umfeld entstanden. Die meisten kommen aus kleinen oder neu gegründeten Verlagen. Sie heißen Zoo oder Deutsch , sie zeigen auch Mode wie Achtung, und sie nutzen es aus, dass ein Magazin in Berlin einfacher zu produzieren ist als in München – auf einem größeren Markt von Mitarbeitern, mit hungrigeren Leuten. Internationale Magazine wie i-D oder Harper’s Bazaar lassen Modestrecken in Berlin produzieren; der kaputte Charme der Stadt gilt im Ausland als besonders schick. Das haben auch deutsche Hersteller bemerkt und hoffen, der Geist von Berlin könnte die eigene Marke stärken – wie das schwäbische Modehaus Hugo Boss, das seine neue Kollektion im vorigen Sommer in einer Berliner Fabrikhalle vorstellte, für die Rekordsumme von eineinhalb Millionen Euro. Längst gibt es auch eine eigene Berliner Modemesse für Sports- und Streetwear, zweimal im Jahr. Nur die erfolgreichen Designer fehlen noch. Aber was nicht ist, kann werden: Markus Ebner stellt in jedem Heft von Achtung Berliner Talente vor.
Die erfolgreichste junge Modeschöpferin der Stadt heißt Ines Kaag, und der Erfolg ihrer Marke Bless ist ihr immer noch nicht geheuer. Vorsichtig setzt sie sich im Berliner Bless-Laden auf ein Sofa, auf sündteure Stricksachen; sie wirkt seltsam fehl am Platz. Sie führt die Firma seit 1996 mit einer Partnerin, die in Paris arbeitet; den Laden gibt es erst seit vorigem Jahr. Kaag scheint darüber zu staunen, dass ihre Produkte in Boutiqen in Tokyo zu kaufen sind – als wäre die Berliner Luft zu dünn für große Fantasien. Auf die Etiketten schreibt sie »Made in Europe«; auch die Wortschöpfung Bless zeugt von dem Versuch, die deutsche Herkunft zu verschleiern. »Wir wollten einen internationalen Namen«, sagt Kaag. Berlin ist ihr immer noch ein wenig peinlich. Es klingt ihr zu sehr nach Hinterhofwerkstatt, nach kreativer Kleingärtnerei.
Der Blick ins Schaufenster fällt auf wundersame Gegenstände: Strickponchos mit Pelzbesatz, Sweatshirts mit wulstigen mäandernden Aufnähern, Objekte aus Metall und Stoff, die ebenso Stühle sein könnten wie Lampen. Das Buch mit Bless-Produkten, das Ines Kaag aufblättert, wirkt wie ein Kunstkatalog. Es ist voller extravaganter Kleider und Objekte, in kleinen Auflagen hergestellt und ohne Rücksicht auf Absatzchancen – eine Haltung, die vielleicht typisch ist für Berlin, weil man sie sich hier leisten kann. Seit zwei Jahren bringt Bless Kollektionen tragbarer Kleidungsstücke heraus; präsentiert werden sie in Paris oder Mailand. Wie man davon lebt, Berlins größte Design-Hoffnung zu sein? »Gerade so«, sagt Ines Kaag, 33 Jahre alt; sie stammt aus Fürth. Von Markus Ebners Euphorie hat sie sich noch nicht anstecken lassen. »Alles geht ganz langsam hier«, sagt sie, »aber alles bewegt sich.« Das ist das größte Lob, das sie Berlin aussprechen kann.
- Datum 22.01.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 22.01.2004 Nr.5
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