Auf keinem Feld ist die Sprache der Politik so schwer erträglich, wie wenn es um Erziehung, Bildung, Wissenschaft und Forschung geht. Ein "Innovationsbüro Deutschland", die "Reform der gesamten Bildungskette" oder die Sorge, "kreative Potenziale brachliegen zu lassen" (alles aus dem Abschlusskommuniqué des jüngsten Modernisierungsgipfels im Kanzleramt), sind an sich schon unverlockende Wendungen, ein Plastikjargon, in dem sich sozialistischer Planungsglaube und kapitalistisches Effizienzstreben merkwürdig zu verbinden scheinen. Richtig quälend aber ist der Gedanke, dass mit derart groben Griffen ausgerechnet an der Welt des Geistes hantiert werden soll, dem Wunderwerk des Entdeckens, Erfindens und Erkennens, das sich über die "gesamte Bildungskette" vom Aha-Erlebnis des spielenden Kindes bis zum Nobelpreis erstreckt. Man hat gleich das Gefühl, dass unter der Ägide von Frau Bulmahn und mit der Weisheit der McKinseys dieser Welt sich nicht viel Innovation wird hervorpressen lassen.

Geisteswissenschaftler werden sich sorgen, ob es ihnen nun erst recht an den Kragen geht, dem Historischen und Kulturellen, das zur "technologischen Marktführerschaft" (so das Kommuniqué) der Bundesrepublik scheinbar nichts beizutragen vermag. Der SPD-Fraktionsvorsitzende Müntefering hat erklärt: "Bei den Universitäten werden wir mehr Wert auf die Naturwissenschaften und die Ingenieursfächer legen. Wenn wir keine Innovation mehr haben, verliert Deutschland seine Kraft." Innovation, das sind nach dieser Vorstellung nicht neue Ideen, sondern neue Produkte, oder Ideen allenfalls insofern, als sie zu Produktideen taugen.

Allerdings war die "technologische Marktführerschaft" Deutschlands besonders eindrucksvoll, als auch die Geistes- und Geschichtswissenschaften in Blüte standen, im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Die AEG und die Inschriftensammlungen der Preußischen Akademie, die Grundlagen der Atomphysik und Heideggers Sein und Zeit sind Früchte derselben Epoche, derselben Mixtur von Neugier, Fleiß und Kühnheit.

Mit Platon ins Weiße Haus

Offenbar kann eine Wissenschaftskultur bloß als ganze fruchtbar oder steril sein, eine Zeit oder Nation nur insgesamt lebendig oder trübe, und es ist sinnlos, die geistigen Vermögen und Tätigkeiten gegeneinander auszuspielen. Die Spitzenuniversitäten in den Vereinigten Staaten, von denen jetzt soviel die Rede ist, glänzen nicht zufällig auch in den höchst abendländischen Orchideenfächern. Es ist erst wenige Monate her, dass die intellektuelle Weltöffentlichkeit die verborgenen Antriebskräfte und Ziele der amerikanischen Außenpolitik aus den Schriften eines Gelehrten herauszulesen versuchte, der nie etwas anderes getan hat, als die Klassiker zu interpretieren. Leo Strauss, der angebliche Guru der Neokonservativen um Paul Wolfowitz und Richard Perle, hat Exegesen von Platon und Machiavelli hinterlassen, von Hobbes und Spinoza, und man merkte den Kommentatoren ihre Ratlosigkeit peinlich an, was derartige Abseitigkeiten mit der Strategie einer Supermacht zu tun haben sollten.

Die realistische Antwort lautet: gar nichts. Von der platonischen Akademie zum Weißen Haus und von Athen nach Bagdad führt kein Weg. Aber wem die Vergangenheit und ihre Werke ein Buch mit sieben Siegeln sind, der mag auf solche Verschwörungstheorien kommen. Immerhin: Vizepräsident Cheney hat sich von einem Althistoriker über die antiken Kriegertugenden unterrichten lassen, die Amerika im Kampf gegen den Terror brauchen werde. Umgekehrt steht die schärfste Kritik eines unilateralen Großmachtzynismus bei Thukydides, in der Geschichte des Peloponnesischen Krieges, wo die ungenierte Kälte vorgeführt wird, mit der das imperiale Athen die kleine Insel Melos auslöscht. Die Klassiker sind reich und widersprüchlich, was sie zu sagen haben, ist nicht auf den ersten Blick zu erkennen, und deshalb lohnt es sich, sie genau zu lesen, wieder und wieder. Das, nebenbei, ist so ziemlich, was auch Leo Strauss gelehrt hat.

Die Innovationsprediger denken freilich nicht an Thukydides oder Machiavelli, wenn sie jetzt auf brotlose Künste verzichten und lieber Maschinenbau und Biochemie fördern wollen. Sie sind so geisteswissenschaftsblind, weil sie wirkliche Geisteswissenschaften und das ganze bildungsbürgerliche Kulturensemble von den Alten Sprachen bis zur Hausmusik überhaupt nicht mehr kennen. Was sie in den sechziger und siebziger Jahren als kritische Instanz gegen "Technik und Wissenschaft als Ideologie" (Habermas) gelernt haben, war vielmehr Soziologie, Politologie, Pädagogik und dergleichen fortschrittliche Gesellschaftskunde. In dem Augenblick, da dies alles, zu Recht oder zu Unrecht, als altlinker Müll entsorgt wird, gibt es keinen anderen Kulturbegriff mehr und man kann sich nur noch der Forschungs- und Entwicklungsabteilung von Siemens als Inbegriff geistigen Schöpfertums in die Arme werfen.

Darin ist die Situation heute anders als in den achtziger Jahren. Helmut Kohl und seine Regierung waren nicht weniger wirtschafts- und wachstumsgesinnt als jetzt Gerhard Schröder. Aber die frühe Kohl-Zeit ist auch eine Zeit des Historisierens gewesen, der großen Geschichtsausstellungen und Museumsgründungen. Der Philosoph Odo Marquard war mit der "Kompensationstheorie" der Geisteswissenschaften der Mann der Stunde: Wir brauchen die Pflege und Deutung der Tradition, weil uns sonst im Fortschritt friert – "Je moderner die moderne Welt wird, desto unvermeidlicher werden die Geisteswissenschaften." Das ist damals von Verfechtern der Aufklärung und Emanzipation als Biedermeier verhöhnt worden; man wollte der Wirklichkeit die Fackel vorantragen und nicht die Schleppe hinterher. Die Alternative zur bürgerlichen Bildungswelt ist aber, wie sich zeigt, nicht die nachbürgerliche Kulturdemokratie, sondern die Ödnis.