Zu den bleibenden Erinnerungen an 2003 gehört die Erkenntnis, dass in Donald Rumsfeld ein Lyriker schlummert. Nicht nur das Wort des Jahres ("Old Europe") stammt aus seinem Mund. Ein paar Streichungen drum rum, einige geringfügige Änderungen des Zeilenfalls, schon entpuppen die Briefings des amerikanischen Verteidigungsministers sich als funkelnde Aphorismen oder gar als Haikus. Rumsfeld gebe sich "der Muse im Angesicht der Mikrofone" hin, so der Journalist Hart Seely, der den Dichter im Politiker entdeckt hat. Krieg, Terrorismus, Tod – alles komme zur Sprache, aber eben lyrisch gebunden: in Umschreibungen, Wiederholungen und Inversionen.

Ähnliches ließe sich von Bobby Conn behaupten. Die Rolle Amerikas in der Welt ist das geheime Kraftzentrum seines Schaffens, und Mikrofone, wo auch immer sie stehen mögen, regen ihn zu spontanen Meinungsäußerungen an. Wie Rumsfeld kommt Conn aus Chicago, dem Mahagonny des amerikanischen Imperiums, wie dieser komponiert er "jazzige, lyrische Akkorde", in denen "der Rhythmus der Straße pulsiert" (Seely). Thematisch geht es um die großen, drängenden Fragen der Zeit, über denen frei improvisiert wird. Und doch klafft ein Abgrund zwischen den beiden Männern. Wo Rumsfeld seine Kunst aus der Verlautbarung entwickelt hat, agitiert sein Gegenspieler mit den Zungen des Rock ’n’ Roll.

"We are your friends / We come in peace / We brought our guns / To set you free" – in solcher Tonart pflegen die Falken des Westens das Lied von der Freiheit zu singen. Bei Conn und seiner Band, den Glass Gypsies, wird daraus ein hysterisches Stück Glam-Rock. Gnadenlos knüppeln die Trommeln, wie unter Drogeneinfluss wimmern die Keyboards, während er selbst durch die Schwurformeln des politischen Tagesgeschäfts hetzt. Conn horcht ihnen hinterher, lässt sie aufdröhnen zu den gewaltigen Riffs, die seine beiden zum Fürchten austrainierten Gitarristen anschlagen. Eine Nummer jagt die andere, Atempausen gewähren allein die Refrains: "God’s on our side / We know we’re right / Come to the light."

Auf Ersthörer mag das wenig sublim wirken: Man kennt den Sound bis zum Überdruss aus Funk und Fernsehen. Conn-Kenner dagegen wissen, dass hier kein Bauchredner seiner Nation am Werk ist, sondern ein begnadeter Revue-Artist, ein wiedergeborener Punk mit Sinn fürs Abgründige. Bobby Conn, dieser rasende Pressesprecher politischen Sendungsbewusstseins, gibt den Conferencier der Angst. Sein Einsatzgebiet: die Floskeln und Tonfälle der Heimatfront. Sein Ziel: nicht Entstellung zur Kenntlichkeit, sondern Überbietung des Pomps durch noch mehr Pomp.

Den homerischen Schlachtgesang beherrscht er ebenso wie die Cowboy-Horror-Show, und der Bibel hat er mindestens so viel Inspiration und Pathos zu verdanken wie dem TV. Was über die Schirme flimmert, wird ohne Ansehung der Ursprünge durchdekliniert, bis es höhnisch und manchmal hohl klingt. Aber auch mit den übrigen Fasern seines Wesens ist Conn Amerika in aufrichtiger Hassliebe verbunden. Home Sweet Home heißen die Stücke, oder Ordinary Violence. Cabaret, Travestie, Teenager-Größenwahn – das Beste und Schlechteste aus diversen Jahrzehnten Popkultur kehrt wieder. Bloß der Mensch hinter der Maske ist nicht zu greifen: ein Phantom der Trash- und Entertainment-Kultur.

Biografisch jedenfalls ist das Rätsel, das seine Erscheinung für den Gegenwartspop darstellt, nicht zu lösen. Dass der bürgerliche Name Robert R. Conn ist, scheint einigermaßen gesichert. Konzertgänger erlebten einen zierlichen Derwisch mit Lidschatten und getönter Pilotenbrille, doch woher der Mann kommt und wohin er geht, dazu existieren widersprüchliche Nachrichten. Gerüchte, er habe sie selbst gestreut, konnten bislang nicht glaubhaft widerlegt werden.

Anonyme Pamphlete berichten von Knastaufenthalten aufgrund staatsfeindlicher Umtriebe. Es soll Todesdrohungen vonseiten christlicher Fundamentalisten gegen Bobby Conn gegeben haben. Im Mittleren Westen, heißt es, solle er sich lieber nicht mehr blicken lassen. Im Internet wiederum, dem Medium aller Verschwörungstheoretiker, machen Dokumente die Runde, aus denen hervorgeht, dass tatsächlich sowohl eine Identifikation mit Jesus Christus vorliegt als auch dem Antichristen. Mit anderen Worten: Dieser "bravest little man" im Showbiz – so die offizielle Einschätzung des Fanclubs – hat das Lyrische auf seine gesamte Existenzweise ausgedehnt. Was wahr ist und was gut erfunden, ist wie bei jedem Kunstwerk eine Frage der Interpretation.

Auch die chemische Zusammensetzung seiner Musik ist bislang unerforscht. Vieles wurde zusammengemischt, manches stößt sich ab, alles schillert. Von einem Künstler, der "die verrücktesten Exzesse von Seventies-Rock, Glam und Disko durch die Sichtweise eines eingefleischten Punk filtert", spricht der britische New Musical Express, was insofern zutrifft, als der Sound der Bobby-Conn-Band tatsächlich etwas vom Bombast vergessener Mainstream-Combos wie Styx oder Boston hat. Warum gerade die Siebziger? Vielleicht, weil es letzte Erinnerungslücken im musikalischen Gedächtnis zu schließen gilt, vielleicht auch, weil die Popmusik in den Jahren nach der Revolte ihre Unschuld verlor. Von da an erinnerte sie an ein monströses Kompendium der Klänge und Gesten, um am Ende des Jahrzehnts endgültig den Bach der Postmoderne hinunterzugehen.