Diese Kampagne wird die Welt nicht erschüttern, vermutlich nicht einmal das Land. Die österreichische Präsidentenwahl – anders als in Deutschland eine Sache des ganzen Volks, mit Plakaten, Volksreden, Trachten und Trompeten – ist mehr Folklore als Politik. Nebensache aber ist sie nicht, Gott bewahre. Denn nun, da die konservativ-katholische Außenministerin Benita Ferrero-Waldner von der christdemokratischen Volkspartei (ÖVP) offiziell zur Kandidatin gekürt ist, geht es zumindest um das Prestige der Kanzlerpartei: Kann sie die Kandidatin des Kanzlers beim Volk durchsetzen? Oder gelingt den "Roten", wie die Sozialdemokraten in strenger Abgrenzung zu den "Schwarzen" immer noch heißen, mit ihrem Kandidaten, dem ob seiner Makellosigkeit fast schon langweiligen Musterpolitiker Heinz Fischer, zum ersten Mal seit der Haider/Schüssel-Wende vor vier Jahren ein Wahlerfolg? Kein Unglück, würde der Wiener Kanzler sagen, aber ärgern tät’s ihn schon.

Denn schließlich hat Wolfgang Schüssel "die Benita" erfunden. Er hat die promovierte Juristin (Universität Salzburg) 1995 aus New York, wo sie Protokollchefin der UN war, nach Wien geholt und zur Staatssekretärin gemacht, dann zur Außenministerin, nun zur Kandidatin. Politisch ist sie sein Geschöpf, ihm treu ergeben, ohne Fehler, auch ohne Profil, aber mit einem berüchtigten Markenzeichen: ihrem Lächeln. Von Schüssel selbst stammt der Markenname "Kampflächeln". Mit dieser mimischen Wunderwaffe hat sie die schwierigste Phase ihrer Amtszeit überlebt, die "Sanktionen" der 14 EU-Partner als Antwort auf die Koalition der ÖVP mit dem Rechtspopulisten Haider. Das war die große Zeit der Frau Ferrero: ihrer maskenhaft strahlenden Auftritte im Kreis der EU-Außenminister, die nicht so recht wussten, wie sie ihr entkommen sollten, ehe ein Fotograf den Small Talk dokumentieren konnte. Alle Beteiligten machten sich dabei ziemlich zum Narren, aber "die Ferrero" hatte als – Pardon! – Underdog doch die leichtere Rolle und wurde belohnt: Daheim wuchs sprunghaft ihre Popularität. Als die Sanktionen nach einem halben Jahr sang- und klanglos begraben wurden, war sie auf dem Gipfel. Und bei Schüssel nahm die Idee, sie für die Nachfolge des ungeliebten Parteifreundes Thomas Klestil zu nominieren, Gestalt an. Nun ist das schon etwas länger her, viel ist seither passiert, und der Glanz der Kampfzeit ist stumpf geworden, auch wenn er für den Wahlkampf gerade eifrig poliert wird. Im Amt hat die Dame vom Ballhausplatz bisher keine Spuren hinterlassen. In Brüssel blieb sie eine Randfigur, immer noch lächelnd, jetzt aber ohne Kampfauftrag, eine Dame zum "Einweihen von Chrysanthemen", wie die Franzosen sagen.

Gemessen am Interesse, das Außenminister anderer mittelgroßer Staaten wecken, Papandreou aus Griechenland oder Michel aus Belgien, ganz zu schweigen von der im September ermordeten Schwedin Anna Lindh, fällt Frau Ferrero auf durch das Desinteresse, das sie auslöst. Sie wirkt selbst uninspiriert und inspiriert niemanden.

Im Prinzip keine schlechten Voraussetzungen für den Gegenkandidaten, den Juristen Heinz Fischer. Die aktuellen Umfragen weisen ihn als populärsten Politiker im Lande aus, auf entsprechende Nachfragen erhält er auch den größten Vertrauensbonus – ein Mann ohne Affären und Skandale. Zwölf Jahre lang, bis zur Wahl 2002, in der die ÖVP nach jahrzehntelanger Durststrecke wieder stärkste Partei wurde, fungierte Fischer als Präsident des Parlaments, nun ist er einer der Stellvertreter. Das überparteiliche Image, Fundament seiner Beliebtheit, rührt daher. Politisch ist Fischer kein Beton-, aber doch ein Traditionssozialdemokrat. Mit Begriffen wie Gerechtigkeit und Solidarität würde er nie herumkaspern wie deutsche Genossen. Hart ist Fischer bei Österreichs Spezialthema Neutralität. Die ist populär beim Volk. Und da steht er wie ein Fels. Was man von Frau Ferrero nicht sagen kann. Mehrmals hat sie für Österreichs Nato-Beitritt geworben, zuletzt in einem 2002 erschienenen Buch, für das sie als Autorin firmiert. Das aber war gestern. Heute passt es nicht. 2004 bekennt sie sich ebenfalls zu Österreichs Neutralität. Ein Gesinnungswandel? Na ja, ich bitt Sie. Die Wahrheit, hat sie gesagt, sei eben eine "Tochter der Zeit". Ganz schön philosophisch, dieser Salto. Prompt spottete der Wiener Standard, das hätte man "von einer gläubigen Katholikin" nicht erwartet.

Genau das will sie sein, und wie zur Demonstration hat sie im Zuge der Präsidentschaftsvorbereitungen auch noch eine vatikanische Scheidung ihrer ersten (katholischen) Ehe erwirkt, um ihren zweiten (zivilrechtlichen) Gemahl, den spanischen Literaturwissenschaftler Francisco Ferrero, auch kirchlich ehelichen zu können. Was am Tag vor Heiligabend geschah. Der Wahlkampf kann beginnen.

Mitarbeit: Joachim Fritz-Vannahme