Mit sieben Jahren wollte ich einen Rekord aufstellen: die Bibel ganz durchlesen, von vorne bis hinten. Ich war ziemlich stur und habe das auch durchgehalten. Noch nicht mal die eher drögen Gesetzestexte im Alten Testament konnten mich davon abbringen. Ich habe Bücher geradezu in mich hereingefressen, aus der Familienbibliothek, der Volksbücherei, und ich habe mein Taschengeld dafür hingeblättert. Mit 13 Jahren habe ich deshalb Nachhilfe gegeben. Für zwei Stunden gab es ein Mittagessen und fünf Mark. Dafür konnte ich mir dann drei Taschenbücher kaufen.

Eins dieser Bücher war Der große Meaulnes, man sagt "Mohln", von Henri Alain-Fournier. Ich habe es im Sommer 1956, kurz nach meinem 14. Geburtstag, in einem Rutsch durchgelesen. Es ist eine Geschichte von Freundschaft und Liebe: Der zurückhaltende François Seurel, wie ich selbst der Sohn eines Dorfschullehrers, freundet sich mit dem 17-jährigen abenteuerlustigen Augustin Meaulnes an. Doch der verschwindet plötzlich. Er ist in einer Kutsche eingeschlafen, verliert den Weg und stößt in der kargen Heidelandschaft der Sologne auf ein Schloss. Dort findet eine Hochzeit statt, und Meaulnes verliebt sich in die Schwester des Bräutigams. Als er nach Tagen zu seinem Freund Seurel zurückkehrt, kann er sich nicht mehr erinnern, wo das Schloss gewesen ist. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach ihrem "verlorenen Land".

Diese Suche entsprach meinen Empfindungen in dieser Zeit. Ich bin oft durch die Felder gestreift und habe mich gefragt: Wohin führen diese Wege? In ein anderes Land, zu einem Schloss, ins Nichts? Ich hatte Sehnsucht nach einem speziellen Platz, der ganz allein mir gehört. Und natürlich auch nach dem anderen Geschlecht. Jeden Morgen kam mir auf dem Schulweg ein Mädchen mit kurzen dunklen Haaren entgegen. Ich wagte nie, sie anzusprechen, und als sie dann nicht mehr kam, musste ich an den großen Meaulnes denken und seine Schwierigkeiten, anderen Menschen gegenüber die richtigen Worte zu finden.

Mit diesem Buch habe ich zum ersten Mal Zugang zur französischen Kultur erlangt. Lange Zeit war ich überzeugt, dass wir Deutschen die Besten sind – welch bornierte Deutschtümelei!

Ich besitze den Großen Meaulnes in acht Ausgaben. Besonders viel bedeuten mir die Rowohlt-Ausgabe von 1946, wie eine Zeitung gedruckt, und ein Exemplar, das einmal Carlo Schmid gehört hat. Die Erstausgabe von 1913 suche ich noch und würde dafür schon etwas hinlegen. Ich gebe im Monat 800 Euro für alte und neue Bücher aus und bin mittlerweile bei 15000 Bänden angelangt. Gut ein Drittel habe ich gelesen.

Lesen ist ein wichtiger Teil meines Lebens. Ich kann dadurch in andere Zeiten, Länder und Kontinente reisen, und diese Reisen bieten häufig mehr als die tatsächlichen. Pro Woche lese ich etwa zwei Bücher. Früher, als aktiver Politiker, habe ich immerhin eins geschafft. Auf langen Flugreisen kann man wunderbar lesen. Vor Sitzungen in anderen Städten bin ich oft durch Antiquariate gezogen und kam mit großen Plastiktüten, die Finger rot und blau abgeschnürt, zurück. Als mir bei einem gemeinsamen Streifzug durch Hamburger Buchläden das Geld ausging, hat mir Gerhard Schröder aus der Patsche geholfen und für mich vorgelegt. Im Kabinett saßen zu meiner Zeit noch andere, die sich gut mit Büchern auskannten; mit Michael Naumann, Otto Schily und Joschka Fischer habe ich mich oft ausgetauscht. Nach meinem schmerzhaften Rücktritt als Verkehrsminister habe ich Le Grand Meaulnes auf Französisch gelesen – mit einem Wörterbuch und einer guten Flasche Rotwein dabei. Mittlerweile tut der Rückzug aus der Politik nur noch mäßig weh. Was mir am meisten fehlt, sind die großen Büros: Dort hatte ich wunderbar viel Platz für Bücher.

Der SPD-Politiker Reinhard Klimmt, 61, war von 1998 bis 1999 Ministerpräsident des Saarlandes und anschließend für ein Jahr Bundesverkehrsminister. Heute schreibt er Kolumnen für ein Online-Antiquariat