Moskau

Der Vorsitzende der staatlichen Wahlkommission hat für den 14. März die Wiederwahl Wladimir Putins zum Präsidenten Russlands angesetzt", lautet ein Moskauer Scherz. Seine Pointe wurde längst von der Wirklichkeit eingeholt. Nachdem die Putin treu ergebene Partei Einiges Russland bei der Parlamentswahl im Dezember eine Zweidrittelmehrheit eroberte, verkümmert die Präsidentschaftswahl aufgrund des vorhersehbaren Ergebnisses zur Formalie. Die Vorsitzenden der Kommunisten und der demokratischen Jabloko-Partei treten gegen den übermächtigen Putin erst gar nicht an. Der großsprecherische Nationalist Wladimir Schirinowskij schickt seinen Leibwächter in die Wahl. Der ehemalige Boxer zeichnet sich vor allem durch Taubheit auf dem rechten Ohr und Schlagfertigkeit im Dienste seines Herrn aus. Andere Kandidaten haben sich bereits selbst als Anhänger des Präsidenten geoutet.

Doch nun zeigt eine Frau, dass es Alterna-tiven inmitten des Putinschen Einerlei geben kann: Irina Chakamada. Die 48-Jährige hat es in einzigartiger Weise vermocht, aus ihrer Stimme der Vernunft und ihrer Attraktivität ein Gesamtprodukt moderner Politik in Russland zu formen. Wie ein Popstar genießt sie den Jubel der Jugendlichen, wenn sie bei Rock-Konzerten ihrer Partei Union der rechten Kräfte (SPS) das Tamburin mitschlägt. Etwas linkisch, denn ein fremder Takt liegt ihr nicht. Die Teenager jubeln Chakamada zu, da sie ihre Sehnsucht nach Individualität und Lebensgenuss verkörpert. "Fun" nennt sie neurussisch eines ihrer Lebensziele und durchtanzt Nächte in Moskaus Diskotheken, um sich hernach im noblen Restaurant Puschkin noch eine Portion der russischen Fleischtaschen Pelmeni zu gönnen.

Bei der Parlamentswahl blieben die meisten ihrer Anhänger, die Jungen und Selbstständigen, zu Hause. Chakamada verlor ihren Wahlkreis, und die demokratisch und liberal gesinnten Parteien SPS und Jabloko wurden aus der Duma gefegt. Doch selbst am Grabesrand der russischen Demokratie gelang es den zerstrittenen Parteien in den letzten Wochen nicht, sich auf einen gemeinsamen Präsidentschaftsbewerber zu einigen. Bis Chakamada überraschend aus eigenem Antrieb ihre chancenlose Kandidatur ankündigte wie einen letzten Hilferuf der Demokraten.

Die Tochter eines japanischen Kommunisten und einer Halbarmenierin streitet für ein zivilisiertes Russland als Teil der westlichen Staatengemeinschaft, für Privatisierung und Pressefreiheit. Sie kämpft gegen die bequeme Ausrede der Vorbestimmtheit des russischen Zeitenlaufs mit einer Zähigkeit, die politische Depressionen überwunden und ihr Credo geformt hat: "Nur das Leiden schafft Neues, Zufriedenheit ist nicht schöpferisch."

Inmitten der Schaumschlägerei und Buckelei russischer Politiker wirkt Chakamada ehrlich. Sie redet niemandem nach dem Mund. Beim Besuch in Astrachan legt sie dem Vorsitzenden des örtlichen Jagdverbands sogleich den französischen Naturdokumentarfilm Nomaden der Lüfte nahe: "Welche Schönheit! Danach schießen Sie keine Enten mehr." Unternehmern heizt sie auf Wirtschaftskonferenzen ein: "Wartet nicht auf Geschenke des Staates, kämpft selbst für eure Rechte!" Freiheit und Verantwortung – lautet ihr Programm. Als ihre Tochter im Krabbelalter mehrfach vergeblich versuchte, die Türschwelle zum Wohnzimmer zu überwinden, sah Chakamada regungslos zu, bis es klappte. Mit demselben pädagogischen Blick schaut sie auf Russlands Bürger. Oft ungeduldig wie eine, die selbst laufen lernen musste.

Neu ist ihr Rollkragenpulli in der Kleidernomenklatura

Mit Anfang 30, nach einer Studentenehe mit Kind und einem Wirtschaftsstudium, hatte sie als wissenschaftliche Dozentin den Höhepunkt ihrer Sowjetkarriere erreicht: Tagsüber lehrte sie ideologisch verordnete Ökonomie, nachts plauderte sie sich in der Küche über verbotene Tarkowskij-Filme frei. Das vorgestanzte Leben der Lügen und kleinen Fluchten missfiel ihr bald. Als Präsident Gorbatschow halbprivate Wirtschaftsformen zuließ, ging sie das Risiko ein und handelte mit Computersoftware. Dann organisierte sie mit einem Geschäftspartner die erste russische Waren- und Rohstoffbörse. Die stundenweise angemieteten Räume gab sie unverfroren als Börsensitz aus. Mit dem Erfolg kamen Geld und, wie sie sagt, Langeweile. Als Wirtschaftsliberale mit sozialem Gewissen suchte sie in der Politik eine neue Herausforderung.