Die Gründe, mit denen Washington die Invasion des Iraks rechtfertigte, haben viel von ihrer Überzeugungskraft verloren. Es wurden weder Massenvernichtungswaffen gefunden noch Verbindungen des Regimes zum Terrorismus aufgedeckt. Die primäre Rechtfertigung für Saddam Husseins Sturz lautet mittlerweile, dass er ein bösartiger Tyrann war, die Intervention also humanitär.

Stimmt das? Vor dem Krieg wurde jedenfalls nicht darüber diskutiert, ob es sich um eine humanitäre Intervention handele - Ziel der Invasion war es auch keineswegs, Leben im Irak zu retten. Erst jetzt ist diese Frage aufgetaucht.

Nun kann ein Krieg trotz aller Verluste, die er verlangt, manchmal aus humanitären Gründen gerechtfertigt sein. Human Rights Watch hat beispielsweise die Interventionen in Ruanda und Bosnien befürwortet. Wenn er systematische Massenschlächtereien beenden - oder unmittelbar bevorstehende verhindern - kann, liegen humanitäre Kriegsgründe vor.

Diese Fälle müssen aber eng begrenzt bleiben. Und wenn die Schwelle der gegenwärtigen oder unmittelbar drohenden massenhaften Tötung erreicht ist, sind insgesamt fünf weitere Kriterien für eine Militäraktion zu prüfen: Ist sie der letzte geeignete Weg? Liegt ihr ein vorrangig humanitäres Motiv zugrunde? Wird sie so ausgeführt, dass sie den internationalen Menschenrechten gerecht wird? Kann man vernünftigerweise annehmen, dass sie mehr Gutes bewirkt, als dass sie Schaden anrichtet? Und wird sie vom Sicherheitsrat der UN unterstützt?

Die wichtigste Frage bleibt diejenige nach den Massenmorden. So brutal Saddam Husseins Regime auch war, seine Repressionsakte im März 2003 waren nicht von jener außergewöhnlichen Größenordnung, die eine humanitäre Intervention gerechtfertigt hätte. In der Vergangenheit hatte es solche Fälle zwar gegeben, etwa den Genozid von 1988, als das Regime 100 000 Kurden abschlachtete. Aber 2003 gab es einen solchen Anlass nicht. Hätte man eine Intervention indessen damit rechtfertigen können, die Diktatur von zukünftigen Ausrottungen abzuhalten? Nein. Zwar sind auch präventive humanitäre Interventionen zulässig, aber nur, wenn das Abschlachten unmittelbar bevorsteht. Niemand behauptet ernsthaft, dies sei im Irak der Fall gewesen.

Die anderen Kriterien waren gleichfalls nicht erfüllt. Erstens: Die militärische Intervention war nicht das letzte geeignete Mittel, Saddam Husseins Repressionen zu beenden - infrage wäre beispielsweise eine internationale Anklage gekommen, wie in den Fällen Slobodan Milosevics oder des Liberianers Charles Taylor - beide Beispiele zeigen, dass eine solche Anklage dazu beitragen kann, eine Diktatur zu unterminieren. Zweitens: Humanitäre Motive spielten für die Invasoren eine untergeordnete Rolle.

Drittens: Die Invasion wurde zwar überwiegend so geführt, dass internationales Recht beachtet wurde, aber eben nicht vollständig. So wurden beispielsweise Bomben über Wohngebieten abgeworfen, nur auf die Information hin, dort würde sich eine irakische Führungsperson aufhalten. Die amerikanischen Truppen benutzten auch Streubomben in bevölkerten Gegenden, was viele Zivilisten - wie vorherzusehen - das Leben kostete.