Film Süße RevolutionSeite 2/2
Die Träumer ist schon ein ziemlich unverschämter Film, und das vielleicht macht seine eigene Poesie aus. Einmal mehr hat sich Bertolucci in den drei so miteinander verbundenen Jugendlichen vor allem selbst porträtiert: Isabelles vorbehaltlose Liebe zum Kino, ihre Lust daran, jedes Detail und jede Wendung ihres Lebens zu inszenieren, Theos Lust am politischen und ästhetischen Diskurs (der sich mit der Poesie des Vaters nicht mehr einverstanden erklären kann). Und der pragmatische Matthew, der der schwankenden poetischen Radikalität der anderen nicht folgen kann, der Subjekt werden will in der Welt der Inszenierungen. Man könnte das Spiel gar als eine Beschreibung der verschiedenen Seelen-Instanzen Ich, Es, Über-Ich begreifen, eine jede im heftigen Clinch mit der anderen.
„Wenn wir uns im Jahr 1968 ins Bett gelegt haben, dann haben wir es mit der Vorstellung getan, dass wir am nächsten Morgen in der Zukunft aufwachen. Nicht am nächsten Tag, sondern in der Zukunft“, sagt Bertolucci. Morgen ist zwar vermutlich leider nicht die Zukunft, sondern nur wieder der nächste Tag, aber morgen gibt es auch wieder andere Filme, zum Beispiel solche, die erklären, wie der Staat die Gewalt produzierte oder wie sich die Revolte auch gegen die bessere Gesellschaft richtete. Aber heute wollen wir Bertolucci folgen: Anders als die meisten Filme über die 68er sieht Die Träumer die Epoche nicht von einem tragischen oder trivialen Ende aus. Es ist nicht der Narziss Bertolucci, der sich noch einmal in die süße Zeit vor der Revolution träumt, es ist der erwachsene Künstler, der nach dem Zusammenhang von Narzissmus, Kino und Revolte fragt. Und nicht bereut, mittendrin in der Groteske der tragischen Kinder gewesen zu sein.
Lustvolle Erinnerungen
Der Film verweigert sich dabei der systematischen Denunziation, der Zerknirschung, der Enttäuschung, die offensichtlich zum historischen, kulturellen Projekt in den „betroffenen“ Gesellschaften geworden ist. Für die einen war 68 ein eruptives Geschehen, das seinen Sinn in den ruhigeren Fahrwassern von Sozialdemokratie, Ökologie und Feminismus fand. Für die anderen ein albernes Spektakel, in dem sich verwöhnte Bürgerkinder austobten, bevor sie wieder in die Fahrbahnen der Spießer oder Karrieristen fielen. Es ist, als würde man mit dem Erfolg der Revolte auch die Süße verneinen wollen. Es ist verboten, lustvoll von 68 zu sprechen. Die Botschaft, wenn man denn schon eine suchen will, in Die Träumer liegt in der Offenheit, der Freiheit, der Leichtigkeit, mit der sich der Regisseur zugleich in seinem eigenen Kosmos und in der Geschichte der Revolte bewegt. Vielleicht muss man eben doch einen gewissen Reifegrad haben, um an diesen magischen Ort vor der Revolution zurückzukehren.
Bernardo Bertoluccis Film behandelt nicht den Traum, sondern die Träumer. Der Traum ist vorbei, aber die Träumer sind nicht verschwunden. Wenn sie nicht gestorben sind oder ihren Traum vergessen haben. Der Film ist wie das merkwürdige Duett von Edith Piaf und Jimi Hendrix am Ende. Das passt nicht zusammen oder eben doch: traumhaft.
- Datum 22.01.2004 - 13:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Serie film
- Quelle (c) DIE ZEIT 22.01.2004 Nr.5
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







