Balzacs Verlorene Illusionen liefert die perfekte Überschrift für das jüngste Kapitel im Fortsetzungsroman "Europa und Amerika". Just vor einem Jahr setzte die Regierung Bush auf Muskeln statt auf Mitstreiter, wollten Berlin und Paris den Giganten in die Knie zwingen. Der Leidenschaft in der Wüste (ebenfalls Balzac) folgte die Ernüchterung: Europa konnte den Irak-Krieg nicht verhindern, Amerika kann den Frieden allein nicht gewinnen.

Zähneknirschend versuchen sich beide Seiten an einem neuen Kapitel. Bush hat aus seiner State of the Union- Rede die "Achse des Bösen" gestrichen – eine Geste an die Europäer. Er hat den alten Fuchs James Baker, den Außenminister seines Vaters, aus der Anwaltskanzlei geholt und ihn zum obersten PR-Repräsentanten der Nation gemacht, der um Hilfe und Wohlwollen werben soll. Firmen aus "Feindstaaten" dürfen sich nun doch um Aufträge im Irak bewerben; Chiracs Verteidigungschefin wurde artig im Pentagon empfangen. Die UN, vor einem Jahr noch belanglos, werden nun höflichst um Rat gebeten, wie denn der Übergang zu freien Wahlen zu meistern sei.

Die Europäer? Nach seinem hauchdünnen Wahlsieg im Herbst 2002 (und der Entlassung der Amateur-Historikerin Däubler-Gmelin) hätte Kanzler Schröder die Ressentiments der Staatsräson hintanstellen müssen, die seit WilhelmII. besagt: "Lege dich nie mit der größten Macht auf Erden an." Stattdessen verdoppelte er den Einsatz, als er im Schlepptau Frankreichs ein Bündnis gegen die "Hypermacht" zu schmieden suchte. Das war der zweite Verstoß gegen die Staatsräson, die seit Adenauer fordert: "Halte stets die Balance zwischen Paris und Washington." Zögerlich versucht Berlin nun, diese wiederherzustellen, derweil Paris die Annäherung an die USA probt.

Die Reparaturarbeiten im Gefolge beiderseitiger Selbstüberschätzung signalisieren, dass es vorweg nicht um den Irak, sondern um die Familienzusammenführung geht – aus gutem realpolitischen Grund. Die Bushisten erkennen, dass Macht nicht auf Legitimität verzichten, der hochfahrende Gestus nicht die Diplomatie ersetzen kann. Die Europäer lernen, dass Ohnmacht kein Unterfutter für weltpolitische Ambitionen abgibt. Schlimmer noch: Deren Inszenierung anno 2002/2003 hat Europa nicht geeint, sondern gespalten: hier Frankreich- Deutschland, dort fast der gesamte Rest.

Was aber diktieren Europas und Deutschlands Interessen jetzt, zumal die EU zu Lebzeiten der heutigen politischen Klasse ihr gewaltiges Wirtschaftspotenzial nicht in militärische Münze eintauschen wird? Ihr ureigenes Interesse gebietet, den Irak nicht in Terror und Bürgerkrieg versinken zu lassen. Die Despoten ringsum, die ihren Völkern fünfzig Jahre lang Wachstum und Partizipation verweigert haben, dürfen nicht triumphieren, sondern müssen ihre repressiven Regime reformieren.

Einsicht am Horizont

Die Amerikaner? Sie brauchen nicht Abstandswaffen, sondern Alliierte – von UN bis Nato –, die kraft ihrer Präsenz den terrorwütigen Baathisten und demonstrierenden Schiiten zeigen, dass sie sich nicht nur mit dem "Kreuzfahrer-Staat" anlegen müssen. Sie brauchen die Macht, die allein die Legitimität gebiert, und die heischt die Gemeinschaft aller gutwilligen Staaten. In der Praxis heißt das: Ein UN-Mandat muss her, dazu eine Anfrage an die Nato, dann deren Plazet. So, und nur so, können sich die Deutschen direkt und offen beteiligen: als Logistiker, Sanitäter, Ausbilder, Verwalter – auch im "robusten Friedenseinsatz", wie es beschönigend auf Nato-Sprech heißt.

Weiter weg am Horizont macht sich seit Bosnien und Kosovo eine zweite Einsicht immer breiter. Die liberalen Demokratien spüren es in den Knochen, dass ihre Insel der Seligkeit nicht bestehen wird, wenn draußen Aids und Armut, Diktatur und kollabierende Staaten, religiöser Wahn und Genozid wüten. Die "asymmetrische Kriegführung" namens "Terror" brüllt: Es brechen die Dämme, hinter denen es sich der Westen so kommod eingerichtet hat, und deshalb hat Peter Struck schon Recht, wenn er doziert, dass Deutschland am Hindukusch verteidigt werden müsse.