olympia Auf dem Olymp der Verlogenheit

Bei den Spielen in Athen wollen die USA so viele Medaillen holen wie nie zuvor. Doch die Sportelite steht unter Dopingverdacht. Trainingsbesuch bei den Läufern

So richtig passt die Gruppe von Läufern nicht in diese Gegend. Hier, am Ende der Westridge Road, weit über dem eleganten, direkt am Pazifik gelegenen Santa Monica, treiben die Villenbesitzer Sport. Es sind reiche, überwiegend weiße Amerikaner, Filmstars, Produzenten, Drehbuchautoren – Menschen, die es in der Traumfabrik Hollywood geschafft haben und ihre Körper, oft das wichtigste Kapital, nun erst recht stählen. Hier joggen die Hundehalter mit ihren reinrassigen Beagles, Golden Retrievers und Dobermännern den Berg hinauf. Aber Läufer?

Sechs, sieben Schwarze, alle von spindeldürrer Gestalt, alle in einfachen T-Shirts, in engen, löchrigen Radlerhosen. Schon aus der Ferne ist zu erkennen, dass sie aus einem anderen Milieu stammen. Und erst recht aus der Nähe. Köpfe mit kurz geflochtenen Kraushaarzöpfchen. Zahnruinen, die von billigen Metallrahmen zusammengehalten werden. Aufgeklebte Fingernägel mit zweifarbigen Mustern, für Gangsta-Rapper könnte man sie halten, sie sind es aber nicht, sie haben es nicht ins Programm von MTV geschafft. Diese Läufer kommen von unten, aus West L. A., dem Ghetto, oder aus irgendeinem der endlosen Elendsviertel von Los Angeles. Garantiert kommen sie nicht aus Beverly Hills und nicht aus Santa Monica.

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Doch es ist irgendetwas an dieser Gruppe von Läufern, das einem sagt: Sie sind doch kein Gesindel. Sie haben Haltung. Beine, Arme, Schultern, alles bewegt sich in perfekter Harmonie. Sie rennen so schnell die Hügel hinauf, dass selbst die Mountainbiker auf ihren edlen Zweirädern nicht mithalten können. Sie keuchen nicht, sie stöhnen nicht, sie wechseln nur ein paar knappe Worte mit einem klein gewachsenen älteren Weißen, der am Wegesrand steht.

Neue Drogen werden entworfen, um gängige Tests zu unterlaufen

Der Mann heißt Joe Douglas. In der an Metaphern reichen Sprache der Sportreporter ist er eine „lebende Legende“. Joe war Mathematiklehrer, und er war selbst einmal Läufer, quartermiler nennt er immer noch die 400-Meter-Läufer. „Little Joe“ nannten ihn früher viele, wegen seiner Statur von nur 1,60 Meter. Heute sagt das niemand mehr. „The great Joe Douglas“ nennt man ihn jetzt, wegen seiner Erfolge. Er ist 67 Jahre alt und wohnt hier oben an der Westridge Road. In einer Villa, von der aus er auf das Anwesen von Arnold Schwarzenegger blicken kann. „Sein Haus ist zwar größer als meines“, sagt Joe Douglas, „es hat so um die 1500 Quadratmeter Wohnfläche, aber ich schaue auf ihn hinunter.“

Jetzt kommt wieder die Zeit des Joe Douglas, denn das Olympia-Jahr hat begonnen. Im Sommer werden die Spiele in Athen ausgetragen, sie kehren gewissermaßen an ihren Ursprungsort zurück. Alle Welt fragt sich derzeit, ob die Gastgeber es hinbekommen, die Arenen rechtzeitig fertig zu stellen, ob die Hotels termingerecht eröffnet werden können, ob der notorische Verkehrsstau in der Hauptstadt aufgelöst werden wird. Vergessen wird darüber, dass auch für diese Spiele von ausschlaggebender Bedeutung sein wird, wer am geschicktesten dopt, wer es versteht, leistungssteigernde Mittel so einzunehmen, dass es von den Kontrolleuren nicht bemerkt wird. Den Unterschied zwischen Gold und Silber, zwischen Weltrekord und persönlicher Bestzeit machen kaum noch messbare Sekundenbruchteile aus. Joe Douglas weiß das.

Wieder einmal wollen die Vereinigten Staaten ihre olympische Vormachtstellung ausbauen. Bei den Spielen in Sydney im Jahr 2000 gewannen Athleten aus den USA „nur“ 97 Medaillen. Nun wurde bekannt, dass sich das amerikanische Olympia-Komitee für Athen weit ehrgeizigere Ziele gesetzt hat. Es wurde ein regelrechtes Plansoll – nicht unähnlich dem des DDR-Sports – aufgestellt: Mindestens 201-mal sollen im August dieses Jahres die Stars and Stripes für amerikanische Medaillengewinner am Geburtsort des olympischen Ideals aufgezogen werden. Ist das überhaupt zu schaffen? Mit rechten Dingen?

Vor drei Monaten wurde in den Vereinigten Staaten eine Dopingaffäre ungeahnten Ausmaßes bekannt. Ein bisher unbekanntes anabolisches, also muskelbildendes Steroid konnte mit neuen Labormethoden identifiziert werden. Es ist die Designerdroge Tetrahydrogestrinon THG, die eigens entworfen worden war, um die gängigen Testverfahren zu umgehen. Das Mittel hatte ein Unternehmen namens Balco, das auf die Herstellung von Nahrungsergänzungsmitteln spezialisiert ist, in einem Vorort von San Francisco synthetisiert und vertrieben. Zugleich zeigte es sich, dass Balco als Sponsor vielen amerikanischen Spitzenathleten diente. Die Firma wurde von Fahndern des Finanzamts und der Lebensmittel- und Arzneiaufsicht in einer Razzia durchsucht. In San Francisco begannen Grand Jury Hearings, Ermittlungsverfahren vor einer Anklageerhebungskammer. Doch es dauerte nicht lange, der Skandal verschwand wieder aus den Schlagzeilen.

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