olympia Auf dem Olymp der VerlogenheitSeite 9/10

Der Olympiazweite handelte mit anabolischen Steroiden

1972 in München war auch David Jenkins an den Start gegangen, mit der britischen 4-mal-400-Meter-Staffel, die Silber gewann. Jenkins wanderte in die USA aus, ließ sich im Sonnenscheinstaat Kalifornien nieder, und zwar genau in Venice. Im Gold’s Gym lernte er den nicht sonderlich erfolgreichen Bodybuilder William Dillon kennen, alsbald auch den ebenfalls in Venice lebenden Autor des Schriftwerks The Underground Steroid Handbook, Dan Douchaine. Jenkins wurde Geschäftsmann und handelte mit Nahrungsergänzungsmitteln. Er bezog massenweise anabolische Steroide aus Mexiko, über deren Gebrauch er aus Douchaines Handbuch alles Wesentliche erfahren hatte. Der ehemalige Mittelstreckenläufer belieferte alsbald den größten Teil des illegalen Markts in den USA. 1987 wurde er wegen Verbreitung verbotener Anabolika zu zehn Jahren Haft verurteilt, 1989 als Freigänger – in San Diego, der kalifornischen Grenzstadt zu Mexiko – aber schon wieder entlassen.

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Von alldem will Joe Gold, inzwischen weißhaarig und 81 Jahre alt, der König der Bodybuilder, also nichts wissen.

Haben Sie wirklich nichts zur Verwendung von Anabolika im Sport zu sagen, Mr. Gold?

„Ich bin 100 Prozent dagegen. Es wird langsam Zeit, dass den Leuten aufgeht, wie weit sie es getrieben haben“, knurrt er – und schiebt sich in dem Rollstuhl, an den er seit einigen Jahren gefesselt ist, zurück in sein Office.

An der Grenze zu Mexiko endet die Verlogenheit. Direkt hinter dem Grenzübergang steht das Shopping-Center Viva Tijuana. Ein paar Restaurants, ein paar Bars mit Nackttänzerinnen, auf der Hauptstraße dahinter die Prostituierten, die trotz ihres dicken Make-ups nicht wie Pamela Anderson aussehen, sondern wie das, was sie sind, nämlich arme Indios. Auf der Plaza reihen sich, wie auch auf der Avenida Revolución, Drugstore an Drugstore. Alle bieten anabolische Steroide an. Am häufigsten wird für ein Mittel namens Sostenon geworben. Es kostet nur 14 US-Dollar. In der Pharma Vet, einer Apotheke für Tiermedizin, versichert der Verkäufer, dass die Mittel Ganabol und Equipoise, eigentlich für die Tierzucht bestimmt, auch von Menschen unbedenklich eingenommen werden könnten. Auf die Packungen ist ein deutlicher Warnhinweis gedruckt: „20 Tage vor der Schlachtung absetzen.“

Der Verkäufer bietet ungefragt an: „Wenn Sie größere Mengen abnehmen, gewähre ich Ihnen gerne Rabatt.“ Und in der Medicine Company auf der Avenida, wo, wie überall, Testoprim-D (drei Ampullen mit 250 Milligramm Wirkstoff zu 22 US-Dollar) neben Andriol mit 30 Kapseln von 40 Milligramm zu 39,40 US-Dollar angeboten werden, rät die Verkäuferin zu den Ampullen: „Es reicht, wenn Sie sich einmal in der Woche eine Spritze mit Testoprim geben, die Andriol-Kapseln müssen Sie täglich einnehmen – unsere jungen Kunden bevorzugen die Ampullen.“

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