Im Dunstkreis von Polizei und Geheimdiensten blühen seit je alle möglichen finsteren Fantasien. Die neueste: Hinter dem Plan von Bundesinnenminister Otto Schily, nebst dem Bundesnachrichtendienst nun auch das Bundeskriminalamt nach Berlin zu verlegen, stecke der Wunsch nach einer riesigen Antiterrorbehörde. Nach einem deutschen Homeland Security Office, einem gewaltigen Sicherheitshirn, in das die Diener und die Spione des Staates, Uniformträger wie Schlapphüte, ihr gesammeltes Wissen einspeisen. Ein kollosales Amt in Rufweite von Otto Schily. Eine gigantische Datensammelstelle, wo die Trennwände zwischen Polizei und Geheimdiensten endgültig eingerissen sind und alle alles dürfen – spähen, lauschen und verhaften. Wo Tausende Mitarbeiter gemeinsam ein einziges Ziel verfolgen: Sicherheitsrisiken für die Bundesrepublik Deutschland und ihre Einwohner so früh wie möglich aufzudecken und einzudämmen. Es sei nur eine Frage der Zeit, munkeln böse Zungen, bis Schily auch das Kölner Bundesamt für den Verfassungsschutz in die Hauptstadt zwinge.

Doch so weit gehen Schilys Pläne nicht. Seine Zentralisierungswut hat zunächst viel banalere Gründe: kürzere Wege, schnellere Entscheidungen, bessere Kontrolle. Schon jetzt unterhalten Bundesnachrichtendienst, Verfassungsschutz und Bundeskriminalamt eigene Büros, zum Teil sogar ganze Abteilungen in der Hauptstadt. Ihre Chefs und Verbindungsleute tagen jede Woche mit dem Innenminister und den Experten im Kanzleramt. Dabei legt jeder seine eigenen Akten auf den Tisch, trägt jeder seine eigenen Erkenntnisse vor. Von wegen Bundessicherheitsamt! Außerdem: Wie man aus den leidvollen amerikanischen Erfahrungen mit FBI und CIA weiß – je enger die Dienste an einem Ort zusammenrücken müssen, desto mehr hassen und bekämpfen sie einander.

Gleichwohl ist der Bundesinnenminister nicht schuldlos daran, dass Skeptiker dunkle Absichten wittern. Sein Verhalten nährt geradezu die Gerüchteküche. Schily ist ein Zentralist. Er möchte alles wissen, alles bestimmen, alles kontrollieren. Schily misstraut den Sicherheitsapparaten, was nicht gerade schädlich ist, weil diese bisweilen zu einem gefährlichen Eigenleben neigen. Deshalb möchte er sie in seiner Greifnähe halten. Und deshalb hat er den Umzugsplan für das BKA wie eine geheime Kommandosache geführt, auch wenn jetzt für diesen politischen Fehler allein BKA-Chef Ulrich Kersten zur Rechenschaft gezogen wird.

Ein Geheimniskrämer und Einzelgänger war Schily seit Beginn seiner Amtszeit. Er ist auch einer, der mit seinem ausufernden Sicherheitsverständnis ständig die Grenzen des Grundgesetzes und die Nerven von Freunden und Gegnern strapaziert. BKA und BND an einem Ort? Für Schily kein Problem. Das berechtigte Gebot, Polizei und Geheimdienst voneinander zu trennen? Für ihn anscheinend ein alter Zopf. Und die Gefahr, dass die Dienste, stets am Sitz und am Ohr der Bundesregierung, ihre Nachrichten aufblähen, um sich wichtiger zu machen, als sie sind? Für Schily ein abwegiger Gedanke. Kein Wunder, dass bei so wenig Empfindsamkeit manche das Schlimmste vermuten.