Ein kleines, verbeultes Auto auf dem endlosen Highway: "I left my home in the church / I left my home in the suburbs to wander / I did it all for my dreams ..." So könnte auch die sentimentale Saga eines Countrystars beginnen.

Doch Jolie Hollands Titel Periphery Waltz will nichts beichten oder öffentlich bekennen: Vielmehr intoniert die 28-jährige Sängerin ihre Zeilen mit einer Unmittelbarkeit, als hätten sie nie aus dem Inneren ihres Wagens dringen sollen, als müsse der Ton ihrer nackten Seele lediglich dazu herhalten, all die schönen, kommerziellen Lügen aus dem Autoradio zu übertönen. "The street lights slipping down my windshield fell like falling stars." Begleitet allein von einer nachlässig geschrummten Gitarre, bisweilen verstärkt von Banjo, Schlagzeug oder einer singenden Säge, rauschen die Songs vorbei wie Straßenschilder im Regen. Was bleibt, ist diese unheimliche Intensität. Das intime Kratzen einer alten Schellackplatte.

Würde Jolie Holland nicht von "psychedelischer Präsenz" singen, man könnte sie gut und gern für eine dieser Uraltstimmen aus Harry Smiths American Anthology of Folk Music halten. Doch offensichtlich ist hier keine Retro-Chanteuse am Werk, trotzt Jolie Holland jeder Vereinnahmung mit einer ureigenen Phrasierung. Zu punky für die Folk-Traditionalisten. Zu emotional für die Konzeptkunst. Während manche Toningenieure heute ihren Lebensunterhalt damit verdienen, die allzu spitzen oder flachen Gesangspartien von Superstars elektronisch zu korrigieren, veröffentlicht die bisher kaum über die Clubszene San Franciscos hinaus bekannte Sängerin ein Demoband mitsamt Übungsunfällen und Hustern.

Catalpa (Anti 6691) ist in diversen Wohnzimmern aufgenommen und wurde ursprünglich nur von der Bühne herab verkauft. Bis der weltentrückte Charme von Jolie Hollands Gesang einem Tom Waits zu Ohren kam. Nun teilt sie dieselbe Plattenfirma mit ihrem Bewunderer, das Folgealbum ist bereits eingespielt - in einem ordentlichen Studio. Ein amerikanisches Märchen? Eher ein Road Movie: nur dass die Sängerin dem Highway der von ihr bewunderten Blues- und Folk-Sänger immer wieder ganz eigenwillige Umwege abgewinnt. Da gedenkt sie etwa in All The Morning Birds ihrer gestorbenen Lieben - und entlässt uns mit einem hinterhergeschickten Pfeifen.

Holland, deren väterliche Familie aus Louisiana stammt, die in Texas geboren wurde und auf ihrer jahrelangen Wanderschaft durch Nordamerika zuletzt bei einer Frauencombo aus Vancouver namens The Be Good Tanyas wirkte, hat nichts für sesshafte Wahrheiten übrig. Der Blick durch die Windschutzscheibe ist ihr lieber.