Als dem texanischen Angestellten der amerikanischen Steuerbehörde IRS Albert Parsons Anfang des vergangenen Jahrhunderts wegen eines anarchistischen Bombenanschlags der Prozess gemacht wurde, erklärte er: "Dynamit macht die Menschen gleich und damit frei."

Es erwies sich, dass Dynamit nichts Derartiges bewirkt. Und mittlerweile hat es noch viel schrecklichere Nachfolger bekommen. Die Zerstörungskraft atomarer Waffen ist einzigartig; biotechnologische Waffen, die gleichfalls verheerende Wirkungen hätten, befinden sich im Entwicklungsstadium. Gerieten sie in die Hand kleiner Gruppen, dann würden diese erstmals seit dem Mittelalter über ein Zerstörungspotenzial verfügen, das sie mit Staaten auf eine Stufe stellt.

Dynamit und Freiheit: Dieselbe Entwicklung, die uns die Technik der Zerstörung gebracht hat, führte auch die freie Meinungsäußerung und die Reisefreiheit mit sich. Mehr noch, diese Freiheitsrechte, die ein aufgeklärtes und friedliches Leben möglich machen, schufen gleichzeitig Voraussetzungen für den Terrorismus. Und der Modernisierungsprozess, der sie uns geschenkt hat, bringt selbst noch einmal neue Spannungen und Konflikte. Der Nationalismus des 19. Jahrhunderts, die Kulturrevolution in China, der Faschismus und der Kommunismus in Europa und der islamische Extremismus, sie alle sind auf die eine oder andere Art Reaktionen auf die Modernisierung. Al-Qaida ist ebenso eine Reaktion auf die Moderne wie ein Produkt ihrer selbst; und das nicht nur, weil ihre Anhänger im Internet surfen oder von Atomwaffen träumen. Schon ihre Überzeugung, sie könnten durch eigene Kraft Regierungen stürzen, entspringt einem modernen Bewusstsein.

Diese beiden Aspekte zusammengenommen – der Zugang Einzelner zu hochgefährlichen Waffen und die Befreiung des Einzelnen von der Loyalität gegen den Staat – könnten zu einer Gefahr werden für das über fünf Jahrhunderte mühsam errungene staatliche Gewaltmonopol.

Was ließe sich dagegen tun? Die erfolgreichste außenpolitische Strategie unserer Zeit war die so genannte Eindämmung (containment). Der Kern von George F. Kennans ursprünglichem Konzept war: Verteidigung und Warten auf Veränderung. Für Kennan war der Kalte Krieg in erster Linie eine politische Auseinandersetzung. Damit behielt er Recht. Die Entscheidung zwischen den zwei politischen Systemen wurde am Ende durch politische und nicht durch militärische Mittel herbeigeführt.

Die sämtlich außerhalb Europas geführten militärischen Konflikte des Kalten Krieges waren für beide Seiten nur wenig erfolgreich. Vietnam, das Horn von Afrika, Korea, Nicaragua und Afghanistan, alle wurden in elendem Zustand zurückgelassen. In Europa und den USA dagegen beschränkte sich der Schaden auf die Exzesse des atomaren Wettrüstens. Die Entsorgung seines Nachlasses verschlingt bis heute riesige Summen. In Europa hielten wir uns also an Kennans Rezept und warteten (wenn auch zehn Jahre länger als von ihm vorhergesagt).

Im Konflikt zwischen Kommunismus und Kapitalismus war das Warten auf Veränderungen eine angemessene Strategie, denn jede Seite war davon überzeugt, das andere System sei zum Scheitern verurteilt. An echte Konkurrenz zwischen politischen Systemen zu glauben fiel damals leichter als heute, weil sie entfernt miteinander verwandt waren: Der Kommunismus war ebenso ein Kind der Aufklärung wie der Kapitalismus.

Weit schwerer dagegen fällt es uns, die Feinde von heute zu verstehen oder darauf zu vertrauen, dass sie die Welt einmal mit unseren Augen sehen werden.