Gestern Vormittag war die Schuld bei uns zu Besuch. Sie wohnt in der Nachbarschaft, schon des öfteren haben wir sie vom Fenster aus zu den Garagen eilen sehen, ungekämmt, mit wehenden Mantelschößen, jedes Mal, wenn sie um die Ecke schlidderte, hegten wir starke Zweifel an ihrer Zurechnungs-, im Grunde an ihrer Schuldfähigkeit. Nach dem "Dritten Reich" war sie schon einmal schlimm herumgeschubst worden, niemand wollte sie haben, aber jeder behauptete zu wissen, wo sie hingehöre. Nach der Wende dann ging es ihr so gut wie noch nie, da hatte sie einen festen Vertrag bei der Gauck-Behörde, aber seit einiger Zeit arbeitet sie wieder frei, und je mehr die Beschäftigungszahlen sinken und die Studiengebühren steigen, desto seltener ist sie bei sich zu Hause. Ständig rast sie zwischen den vermeintlichen Verursachern der Misere hin und her. Gestern nun, wir hatten gerade die Stubenlampe auseinander geschraubt und konnten uns nicht einigen, wer schuld sei, dass wir das vermaledeite Ding ("Ich habe ja gleich gesagt, du sollst eine neue kaufen!") nicht wieder zusammenbekamen ("Du hättest dir einfach bloß die Reihenfolge merken müssen!"), ob seinerzeit die Ingenieure des VEB Leuchtenbau Niederwiesa gepfuscht hätten oder ob die Treuhand vorsätzlich, nämlich das deutsch-deutsche Ersatzteilproblem in Kauf nehmend, den Betrieb abgewickelt habe, da klingelte es an der Tür. Draußen stand die Schuld. Sie sah noch abgehetzter aus als sonst, sagte auch gleich, mit unserer Stubenlampe müsse sie kurzen Prozess machen, denn sie sei auf der Durchreise von Dresden nach Berlin. Der sächsische Ministerpräsident (CDU) hatte behauptet, die sächsischen Studenten, die gegen die sächsische Bildungspolitik protestierten, sollten sich lieber in Berlin bei der SPD beklagen. Es ist gut, sagte die Schuld, dass Deutschland ein Mehrparteiensystem hat, sonst käme eines Tages heraus, dass der Fehler im System liegt. Andererseits, sagte sie, könne man dankbar sein, wenn einem die Dienstreisen noch genehmigt würden, überhaupt: So schlimm werde die Staatsverschuldung nicht sein, denn die fälschlich in Dresden demonstrierenden Studenten wären mit einem Sonderzug aus Leipzig angereist. Wer den bezahlt hat, müsse noch ermittelt werden. Sprach’s und eilte weiter. Wir aber blickten ihr nach und waren froh, dass wir nicht Schuld sind. Finis