Wenn der Chef der US-Börsenaufsicht SEC persönlich nach Deutschland reist, muss die Angelegenheit dringlich sein. Doch es war kein Bilanzskandal, der Paul Atkins bewog, im Februar des vergangenen Jahres bei einer Veranstaltung des Deutschen Aktieninstituts zu erscheinen. "Wir möchten mehr deutsche Unternehmen ermutigen, sich dem US-Kapitalmarkt zu öffnen", sagte Atkins in seiner Rede. Der SEC-Kommissar war gekommen, um für einen Börsengang an der Wall Street zu werben.

Doch die Liebe zum Börsenplatz New York scheint bei vielen europäischen Konzernen erkaltet zu sein. Vorbei sind die Zeiten der goldenen neunziger Jahre, als europäische Vorstände Schlange standen, um am Tag der lang ersehnten Erstnotiz an der Wall Street die berühmte Eröffnungsglocke der Börse läuten und eine kleine Ansprache halten zu dürfen. Der bislang letzte Börsengang eines deutschen Unternehmens an der Wall Street war die Erstnotiz des Pharmakonzerns Bayer im Januar 2002 – und damit ist bislang nur gut die Hälfte der Schwergewichte im Dax auch an der US-Börse vertreten. "Dieser Kreis dürfte sich vorerst wohl kaum erweitern", vermutet Rüdiger von Rosen, Vorstandsmitglied im Deutschen Aktieninstitut.

Im Gegenteil. "Viele kleine und auch große deutsche Unternehmen sind mit der Notierung in New York nicht glücklich", sagt Curd-Hasso von Flemming, Partner der Investor-Relations-Beratung PvF Investor Relations in Frankfurt. Konsequenzen gezogen haben bereits das Softwareunternehmen Intershop und der französische Luxusgüterkonzern LVMH, die sich derzeit in einem Delisting-Verfahren von der New Yorker Aktienbörse verabschieden. Die französische Tageszeitung Le Monde berichtet, dass etwa zehn französische Unternehmen über den gleichen Schritt nachdenken – darunter bekannte Größen wie Danone, Schneider Electric und Veolia Environnement.

Selbst die Großkonzerne aus Europa führen an der amerikanischen Börse ein Mauerblümchendasein. Dass bei einem kleineren High-Tech-Unternehmen wie Ixos der Tagesumsatz an der Nasdaq im Schnitt gerade mal bei rund 3000 Aktien liegt, mag noch nachvollziehbar sein. Dass jedoch ein Schwergewicht wie der Stromkonzern E.on an der New Yorker Börse meistens weniger als 50000 Aktien pro Tag umsetzt, ist enttäuschend. An der Frankfurter Börse liegt der durchschnittliche Tagesumsatz mit E.on-Aktien nämlich bei weit mehr als drei Millionen Stück.

"Die wenigsten deutschen Konzerne sind am amerikanischen Finanzmarkt wirklich bekannt", bestätigt Thomas Gutschlag, Vorstand bei der auf Kapitalmärkte spezialisierten Unternehmensberatung Blättchen & Partner. Dass ein Stromgigant an der US-Börse ein exotischer Nischenwert bleiben könnte, ahnte wohl E.on-Vorstand Ulrich Hartmann bereits vor drei Jahren, als er bei einer Podiumsdiskussion an der Universität Passau auf die Frage nach den Handelsumsätzen an der Wall Street zur Antwort gab: "Wenn man glaubt, dass sich durch das Listing in New York die Börsenumsätze erhöhen, war es ein Flop."

Das einst von vielen Vorständen und Analysten gebetsmühlenartig wiederholte Argument, nur mit der Notiz in New York genieße ein börsennotierter Konzern wirklich weltweite Beachtung, ist somit längst Makulatur. Der einzig nachweisbare Vorteil für europäische Unternehmen besteht darin, dass bei US-Akquisitionen die eigene Aktie als Übernahmewährung eingesetzt werden kann – denn dies ist nicht möglich, wenn das übernehmende Unternehmen nicht an einer Börse in den Vereinigten Staaten registriert ist.

LVMH hängt fest

Für Unternehmen, die keine größere Einkaufstour in den USA planen, ist der Nutzen des Wall-Street-Listings somit gleich null. Selbst manche Großkonzerne würden sich lieber heute als morgen vom Kurszettel streichen lassen. "In einigen Dax-Unternehmen wird über konkrete Ausstiegsmöglichkeiten nachgedacht", bestätigt Ken Beiser, der bis 2002 das US-Investmentbanking der WestLB Panmure leitete und heute europäische Unternehmen bei ihren Kapitalmarktaktivitäten in den Vereinigten Staaten berät.