Wie verkauft man eine unpopuläre Entscheidung als Erfolg? Indem man sie mit einer großartigen (wenn auch unrealistischen) Vision versieht. Die Bundeswehr muss drastisch sparen? Der Verteidigungsminister kündigt ihren Umbau zu einer global operierenden "Armee im Einsatz" an. Für die notleidenden Universitäten ist kein Geld vorhanden? Lasst uns über Spitzenuniversitäten debattieren!

Auch George W. Bush beherrscht diese Kunst der Kürzungs-Utopie. Das Raumfähren-Programm der Nasa steckt in einer tiefen Krise, die Shuttle-Flüge zum Hubble- Teleskop müssen gestrichen werden? Kein Problem, der US-Präsident kündigt einen großen Aufbruch zu Mond und Mars an.

Leider ist die Verwirklichung der neuen Weltraum-Visionen alles andere als sicher. Verlassen kann man sich dagegen, wie meist in solchen Fällen, auf den unpopulären Part der Utopie. Nur zwei Tage nach Bushs visionärer Rede von neuen Zielen im Weltraum rief Nasa-Chef Sean O’Keefe seine Astronomen zur Trauerstunde zusammen. Im Goddard Space Flight Center verkündete er die Einstellung der Shuttle-Flüge zum Hubble- Teleskop. Nach der Explosion der Raumfähre Columbia im vergangenen Jahr sei das Sicherheitsrisiko nicht mehr zu verantworten. Nur zur Raumstation ISS sollen die Shuttles noch fliegen – von dort können die Astronauten zur Not auch mit einer Rettungskapsel zurückkehren. Die für kommendes Jahr geplante fünfte servicing mission zu Hubble dagegen wird ersatzlos gestrichen. Damit ist das Ende der Ära Hubble, die uns die faszinierendsten Bilder aus dem Universum bescherte (ZEIT Nr. 25/03), beschlossene Sache.

Die Astronomie-Gemeinde steht unter Schock. Aus der ganzen Welt hätten ihn Beileidsschreiben erreicht, berichtet Steven Beckwith, der Direktor des Space Telescope Science Institute, der selbst nur 24 Stunden vor O’Keefes Ansprache von dem Todesurteil für Hubble erfahren hat. Um seiner Fassungslosigkeit Ausdruck zu verleihen, hat Beckwith auf seine Website ein detailliertes Protokoll der tragischen Sitzung gestellt ("the mood in the room was decidedly somber") und damit Nasa-Interna öffentlich gemacht – ein höchst ungewöhnlicher Vorgang.

Nun wird das Weltraum-Teleskop, das als "Kronjuwel" der Astronomie gilt, vermutlich noch etwa drei Jahre ins All schauen, bevor seine lebenswichtigen Organe den Dienst versagen. Zum Glück ist ein Nachfolger längst in Planung: Das James Webb Space Telescope (JWST) soll 2011 starten, wesentlich billiger sein und mit besseren Instrumenten tiefer ins All blicken, als es Hubble je vermochte.

Doch auch wenn es ein Auslaufmodell sein mag – der Abschied von dem allseits beliebten Kronjuwel fällt schwer. Steven Beckwith hat die Hoffnung jedenfalls noch nicht ganz aufgegeben: Vorschläge zur Rettung des Weltraum-Auges nimmt er im Internet (www.stsci.edu/resources/sm4.html) gern entgegen. Ulrich Schnabel