Vergangene Woche hat Friedrich Merz seinen Großvater kennen gelernt. Seit mehr als 30 Jahren ist der alte Herr tot. Regelmäßig hat Merz ihn als politisches Vorbild angeführt. Und nie ernsthaft darüber nachgedacht.

So etwa Anfang Januar in seiner Heimatstadt Brilon im Sauerland, als er den Bürgermeisterkandidaten der CDU für die nächste Kommunalwahl vorstellte. Da sagte Merz, es erfülle ihn "mit tiefem Grausen", dass derzeit ein Sozi die Stadt regiert. Er versprach seinen ganz persönlichen Einsatz beim Sturm auf das "rote Rathaus". Denn da habe von 1917 bis 1937 schon sein Großvater gesessen.

Woraufhin ein Leserbriefschreiber in der Lokalzeitung ausführte, wie jener Josef Paul Sauvigny mit den Nazis paktierte: Am 1. Mai 1933 hielt er eine Jubelrede auf den Führer, die sich in alten Zeitungen nachlesen lässt. Schon kurz danach ließ er in Brilon zwei Straßen nach Hitler und Göring umbenennen. Zur Pensionierung 1937 wurde Merz’ Großvater vom NSDAP-Landrat gelobt, er habe sich "trotz seines vorgerückten Alters, entsprechend seiner nationalen Gesinnung sofort eingeschaltet und sein Amt stets im nationalsozialistischen Geiste verwaltet".

Dies habe er nicht gewusst, sagt Merz. Er sei erst zwölf gewesen, als der Opa starb. Und zu Hause habe man diesen stets als "erfolgreichen Bürgermeister" und "beeindruckende Persönlichkeit" geschildert. So ist das eben in Deutschland: Der nette Opa kann trotzdem ein Nazi gewesen sein.