GstaadEin Traum in sattem BlauSeite 2/5

Das Park-Hotel, das 1910 eröffnet wurde, gehört neuerdings Donatella Bertarelli, der Schwester des bekannten und berühmten Silvio, des Besitzers der Alinghi -Yacht, der Gewinnerin des America’s Cup. Wie viel Donatella für das Hotel bezahlt hat, ist nicht ganz klar. Aber auf dem Oberbort in Gstaad, wo die ganz Reichen unter sich sind, hat sie sich ein Châlet bauen lassen, das alleine 20 Millionen Franken gekostet haben soll. Damit herrscht in puncto Kosten des Eigenheims Gleichstand zwischen den Geschwistern: Silvios Châlet thront nicht auf dem Bonzenhügel, sondern liegt an der Grubenstraße, einer kleinen Verbindungsstraße zwischen Schönried und Gstaad, die die Einheimischen "Promilleweglein" nennen und kaum mal nüchtern befahren. Wenn man an seinem Anwesen vorbeifährt, denkt man: Na ja, wo hat er denn die 20 Millionen verlocht, so groß ist das ja gar nicht, aber beim zweiten Mal Hinschauen wird einem klar, dass man nur das vorgelagerte Gäste-Châlet gesehen hat. Da ein Châlet in Gstaad nicht höher als drei Stockwerke sein darf, hat Silvio Bertarelli einfach 20 Meter tief gebaut. Dort unten, wo es sogar für Murmeltiere zu tief ist, liegt jetzt sein Hallenbad.

"Spagat", sagt Eduardo Zwyssig, der Marketingleiter von Gstaad Tourismus während des Essens im Park, "ist ein wichtiger Begriff hier in Gstaad. Der Spagat zwischen den Bedürfnissen der reichen Gäste, der normalen und den Einheimischen ist uns gut gelungen." Zwyssig ist Vollblutmarketingmensch, und nach einer gewissen Zeit kommen all seine Worte so vollmundig daher wie der spanische Wein in den Gläsern. Man kann das Heile-Welt-Gefühl, das einen in Gstaad tatsächlich überkommt und das einem natürlich suspekt ist, nur schwer infrage stellen. Putzfrauen aus dem Osten sagen: "Alles super ist in Gestaad." Die Bauern sagen: "Moll, moll (ja, ja), wenn wir im Winter nicht den Schnee hätten und die Touristen, hätten wir schon lange Bankrott gemacht."

Gefahr, Bankrott zu gehen, läuft Thomas Straumann, der mit Dentalimplantaten ein großes Vermögen gemacht hat, nicht. Unlängst hat er sich das Hotel Bellevue zugelegt, das GaultMillau-Hotel des Jahres 2003. Es war teuer. 100 Millionen Franken für 35 Zimmer, spötteln die Einheimischen. Vor den Sesseln der Lobby liegen gediegene Prospekte für Probefahrten mit Maybach-Limousinen auf. In der Lobby sitzt Matthias Droz, Straumanns Küchenchef, ein 15-Punkte-Koch, ein Wahnsinniger mit einem Faible für Thaiküche. Unlängt fuhr er extra zwei Wochen nach Thailand und arbeitete auf einem Markt, um bei einer Thailänderin zu lernen, wie man Currypaste herstellt. Im üppigen Buch Gstaad for Gourmets, das so viel kostet wie ein côte de bœuf du Simmental u nd in dem 31 Spitzenköche sich und ihre Kochküste vorstellen, präsentiert Droz auch einen "Gurkensavarin mit einem leicht geräucherten Trubach-Forellenfilet", gefolgt von "Tournedos vom Simmentaler Rind", und schließlich einem "Parfait von Gstaader Buttermilch mit einem Beerendisplay und Waldbeerenbonbon". "Ja, das Buch", sagt er mit einem Schulterzucken, "da hat sich natürlich keiner der Köche in die Karten schauen lassen. Wahrscheinlich gibt es deshalb drei oder vier Rezepte für ein Carpaccio."

Wenn so viele Köche auf solch kleinem Raum wirken, tauschen sie sich entweder aus, oder sie ignorieren sich. Gibt es Punkte-Neid? Droz winkt ab. "Wir respektieren uns. Mir ist es egal, wer wie viele Punkte aufweist." Aber weil offenbar die meisten der Küchenchefs diese betont lässige Haltung gegenüber der Konkurrenz aufweisen, ist man sich dann doch nicht ganz sicher, ob nicht im Versteckten ein kleiner Wettkampf um die begehrten Trophäen ausgetragen wird.

Der neue Hecht im kulinarischen Karpfenteich ist Alain Ducasse, Besitzer des Restaurants Spoon des Neiges. Es gibt Spoon des Neiges in Paris, London, St. Tropez und jetzt in Gstaad. Sie funktionieren nach einer Art Franchising-System. Das heißt, der Chef, Ducasse, kocht hin und wieder mal in seinen diversen Spoons. Und weil der Maestro nicht überall gleichzeitig sein kann, kocht meist ein anderer. Die Gstaader Dependance wurde erst kurz vor Weihnachten eröffnet. Wie man hört, ist die Warteliste lang. Ein Bier soll rekordverdächtige 32 Franken (20 Euro) kosten. Aber das ist alles eine Frage der Relationen. Ein Ferrari 250 GT Short Wheelbase Berlinetta 2649 aus dem Jahre 1961 zum Beispiel, der am Freitagnachmittag im berühmtesten Hotel Gstaads, dem Palace, versteigert wird, soll 950000 Franken bringen. Das Kaminzimmer des Hotels ist gestopft voll. Menschen in Kaschmirpullovern, mit goldenen Uhren, Zigarren in den Händen und Champagnergläsern sitzen auf den Sesseln und tun so, als ob das alles ganz alltäglich wäre. Alte Ferraris zu kaufen ist ein schöner Zeitvertreib. Wenige Russen sitzen an den Tischen, aber das ist klar, die Russen protzen in St. Moritz. Engländer sind hier, Italiener, Deutsche und eine Hand voll Schweizer Industrielle, ein paar Araber in Anzügen, nur die Promis von wirklichem Kaliber lassen sich nicht sehen.

Man sieht sie praktisch nie, die Roger Moores, Elizabeth Taylors, Bernie Ecclestones, die Grimaldis und all die andern, die man sonst nur in der Gala zu Gesicht bekommt und die zum Gstaader Inventar gehören. Sie kommen mit dem Jet, landen auf dem Flugplätzchen in Saanen, fahren in ihr Châlet und bleiben dort, es sei denn, sie fliegen mit dem Helikopter in die Höhe, um ein wenig ungestört Ski zu fahren. Wenn überhaupt. Ein Drittel aller Gstaad-Besucher fährt überhaupt nicht Ski, sondern liegt auf Sonnenterrassen und in Spa-Einrichtungen, führt sich selbst ein bisschen spazieren und isst abends ein paar Gänge.

Die Ruhe Gstaads scheint den Big Shots so viel wert zu sein, dass sie einiges davon zurückgeben. Yehudi Menuhin, der Geiger, hat hier ein Musikfestival ins Leben gerufen, Roger Moore kostenlos Werbung für den Ort gemacht, Liz Taylor eine bronzene Kuh für einen Brunnen am Kapälliplatz gestiftet. Es gibt keinen nervösen Promikult in Gstaad, nur unheimlich viel Diskretion. Deswegen kommen sie alle immer wieder.

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