Kann ein Hotel glaubhaft versichern, dass in seinen Gemächern ein Gespenst umgeht, so wirkt sich dies meist ausgesprochen förderlich auf seinen Umsatz aus. Was aber, wenn das Hotel selbst das Gespenst darstellt, wenn wir darin einem Untoten aus einer fernen, fremden Ära begegnen, einem Schatten seiner selbst? Das Pujiang Hotel in Shanghai, bis in die 1940er Jahre als Astor House eine der besten Adressen des Fernen Ostens, ist solch ein steinernes Phantom.

Seit vielen Jahren schon kursiert es in der Travellerszene als heißer Tipp. Wo sonst kann man für wenig Geld im einst ersten Haus am Platz absteigen? Die gleiche Suite bewohnen wie weiland König George V., Zar Nikolaus II. oder Prinz Heinrich von Preußen? Oder jenes Zimmer, in dem Einstein vom Erhalt des Nobelpreises erfuhr? Freilich hat man sie in der Regel mit einem halben Dutzend Mitbewohner zu teilen, wurden die meisten Prunkräume doch in den siebziger Jahren in sterile Schlafsäle umgewandelt. Doch einige sind wie eh und je als Doppelzimmer zu haben. Nummer 103 etwa wirkt so hoch und groß wie eine kleine Villa. Man kann sich darin gut mit seinem Echo unterhalten. Die dunkle Holztäfelung der Wände und die rustikalen Glasfenster zum Wintergarten hin stammen noch aus der Belle Époque. Der Kamin bleibt freilich kalt, und die Tür zur Dienerkammer auf ewig verschlossen.

Das Astor war Shanghais erstes Grand Hotel und wurde früher in einem Atemzug mit dem Oriental in Bangkok oder dem Raffles in Singapur genannt. Zentral an der Einmündung des Suzhou Creek in den Huangpu gelegen, wurde das 1858 eröffnete Haus immer wieder erweitert und mal von Amerikanern, mal von Engländern geführt. Die bombastische Neorenaissance der Fassade stammt von 1911.

Während der zwanziger Jahre verbrachte die Primaballerina Margot Fonteyn ihre Jugend im Astor House. Hier erhielt sie Unterricht von einer russischen Solotänzerin, die die Revolution, wie so viele ihrer Landsleute, nach China vertrieben hatte. "Die Eingangshalle war mit schweren Mahagonistühlen und Cafétischen bestückt", erinnert sich Fonteyn in einem autobiografischen Werk. "Die chinesischen ›Boys‹ trugen weiße Hemden, schwarze Baumwollhosen und Stoffschuhe. Ein Fliegenwedel war immer zur Hand. Die Halle war gewöhnlich voll von jovialen Europäern, die sich lautstark unterhielten und etliche Male riefen: ›Boy – bring’ noch eine Runde!‹"

Heute wirkt die Lobby so unbehaglich wie eine Tropfsteinhöhle nach der letzten Führung. Die Rezeptionisten machen sich unsichtbar, und wo immer man im Labyrinth der Flure überhaupt auf Personal trifft, schlägt es herrisch die Zeit tot. Auch das lauwarme Frühstücksbuffet verströmt vor allem Trostlosigkeit, es gibt noch nicht einmal Kaffeetassen.

Wenigstens der Lichthof, ein nostalgischer Korridor aus Fachwerk, Glas und Gusseisen, erstrahlt mittlerweile wieder in altem Glanz, ein paar Schönheitsreparaturen sollen folgen. Aber wir werden unseres Bleibens hier nicht froh. Sollen wir uns wirklich freuen, für lau in einem Luxusschuppen unterzukommen – oder sollen wir uns ärgern über die brutale Gleichgültigkeit, mit der man dieses Kulturdenkmal, wie so viele in Shanghai, verkommen ließ? Der legendäre Pfauensaal etwa, in den zwanziger Jahren der Olymp des Nachtlebens, wurde ausgeweidet wie ein Kadaver. 1990 zog die Wertpapierbörse in die kahle Halle ein, heute hält nur mehr eine kleine Filiale die Stellung. Ein Irrgarten aus Trennwänden und langen Tischen verstopft den Saal, und vor den Monitoren brüten schweigend ein paar zugeknöpfte Brillenträger.

Die ganze Atmosphäre erinnert an ein heruntergekommenes Interhotel aus alten DDR-Zeiten. Sogar einen obskuren Intershop für Diplomaten gibt es. Tatsächlich untersteht das Pujiang einer staatlichen Hotelgesellschaft. Wobei solcherart Lotterwirtschaft ansonsten in Shanghai längst der Vergangenheit angehört. So gesehen mutet das Haus gleich doppelt museal an, bewahrt es doch wie unter einer Glasglocke koloniale Anmaßung und kommunistische Ignoranz. Es gibt solche Orte, die von allen guten Geistern verlassen scheinen.