Des Moines, Iowa

Irgendwann an diesem denkwürdigen Wahlabend finden zwei Heroen der amerikanischen Linken zueinander und genießen leise den Erfolg. Während rundherum die Wahlparty von John Kerry, dem Überraschungssieger von Iowa, tobt, fallen sich in einem Nebenraum der Komiker Al Franken und der Parteistratege James Carville in die Arme. "Es ist ein Anfang", flüstert Carville seinem Freund, innig umschlungen, ins Ohr. "Endlich ein Anfang." Und am Ende soll die Entmachtung des Präsidenten stehen.

Genau zwölf Jahre ist es her, da führte Carville, damals Wahlkampfmanager, einen Kandidaten namens Bill Clinton vom Auftakt in Iowa durch die endlose Serie der Vorwahlen bis ins Weiße Haus. Inzwischen gilt Carville als oberster Grantler der Demokratischen Partei. Jede Woche hält er seine Vollglatze in die Kameras der großen Sender und liest den Amateuren unter den Demokraten die Leviten. Was hat er in den vergangenen Wochen gewettert! Vor allem gegen den scheinbar unaufhaltsamen Spitzenmann Howard Dean. Den hält er für das Verderben der Partei, einen linken Poltergeist und damit sicheren Wahlverlierer im Wettbewerb mit George Bush. Seither gilt Carville als Motor jener Bewegung, die versucht, Howard Dean die Präsidentschaftskandidatur zu entreißen. Ein Jahr lang entzückte Dean die demokratische Basis mit kessen Reden gegen Bush und dessen Bomben. Aber jetzt, bei der ersten Vorausscheidung, den Wahlkreisversammlungen von Iowa, ist Dean dramatisch abgestürzt. Das Ergebnis, nur 18 Prozent der Stimmen, ist ein Erdrutsch im platten Lande Iowa. Noch vor Wochen, ach was, vor Tagen sah Howard Dean aus wie der sichere Sieger. Zwar schwächelte er seit Weihnachten ein wenig, blieb aber in vorderster Stellung. Keine Umfrage, nicht mal 24 Stunden vor der Wahl, sah das Ausmaß der Massenflucht weg von Darling Dean voraus: eine Sensation amerikanischer Politik. Gefragt, was nun aus Dean werde, wagt Carville sich weit vor: "Der ist fertig. Gewinnt höchstens ein paar Staaten." Da mag der Wunsch die Analyse beeinflussen, denn weiterhin hat Dean so viel Geld und so viele freiwillige Helfer wie niemand sonst. Und doch steht fest: Deans Strategie, die Vorwahlen schnell für sich zu entscheiden, ist gescheitert und das Rennen um die Präsidentschaftskandidatur wieder völlig offen.

"Das ist keine Wahl, sondern ein Kreuzzug"

Die Unterhaltung mit Carville endet irgendwann im Getöse. Nebenan, im großen Ballsaal des Hotels Fort Des Moines, jubeln die Massen. Der Star des Abends zieht ein. John Kerry arbeitet sich im amerikanischsten aller Politrituale durch Spalier und Konfettiregen zum Rednerpult vor. Endlich angekommen, sagt er: "Ich liebe Iowa." Was sonst eine Höflichkeitsfloskel ist, kommt diesmal von Herzen. 38 Prozent der Stimmen hat Iowa ihm geschenkt (und damit 20 Prozent mehr, als die Umfragen vor zehn Tagen verhießen). Prompt ruft er sich selbst zum "Comeback-Kerry" aus.

Noch vor kurzem, so sagt er, "haben mich alle abgeschrieben". Dieser reiche Patrizier von der Ostküste, aristokratisch und steif, verheiratet mit einer Millionenerbin, schien im ländlichen Iowa nicht wählbar zu sein. Seine Spender hatten schon das Vertrauen verloren. Kerry musste eine Hypothek auf eines seiner Häuser aufnehmen, um den Wahlkampf fortführen zu können. Und dieser Mann steht nun wiedergeboren und wiedererfunden im Konfettiregen, von den Wählern Iowas angenommen als sicherer Kandidat des Establishments mit soliden Positionen, als Kriegsheld und Mann mit außenpolitischer Erfahrung. Er sagt in diesem Moment, was alle Bush-Kritiker von ihm hören wollen: dass er "Amerika seine Zukunft und seine Seele zurückgeben" und die "waghalsigste, unfähigste und ideologischste Außenpolitik seit Menschengedenken" beenden werde.

Auf den Fernsehschirmen, die im Saal stehen, ist fast zeitgleich ein Spiegelbild zu sehen. Noch ein Sieger, noch ein Konfettiregen, noch eine begeisterte Schar von Anhängern, und alles nur ein paar Kilometer entfernt. Der Held im anderen Hotel heißt John Edwards, der zweite Kandidat, der aus dem Nichts kam. Programmatisch vom seriösen Patrizier Kerry kaum zu unterscheiden, lebt in Edwards das Bild des sonnigen jungen Kennedy fort. 32 Prozent votierten für diese Wiedergeburt. Kaum vier Tage vor der Wahl hatte Edwards in den Umfragen noch bei 18 Prozent gelegen.

Wie es zu dem Überraschungserfolg von Edwards und Kerry gekommen ist, lässt sich im Mikrokosmos des Städtchens Ames erspüren. Eine der knapp 2000 Wahlversammlungen findet dort im Studentenwohnheim der Staatsuniversität statt. Mit riesigem Interesse hat die Partei gerechnet. Deshalb stehen im Aufenthaltsraum 75 Stühle. Doch als die Stunde der Versammlung naht, drängen 120 Menschen in den Raum. So ist es überall in Iowa: Rekordbeteiligung, doppelt so hoch wie beim vergangenen Mal. Schnell wird klar, dass es hier nicht um das Charisma eines Kandidaten geht. Die gewaltige Politisierung erzeugt ein Abwesender, ein Mann namens George Bush. "Für die Demokraten", wird deren regionaler Parteichef sagen, "ist dies keine Wahl, sondern ein Kreuzzug." Die heilige Mission, jenen Mann zu finden, der Bush schlagen kann. Allein die Wahlbeteiligung muss George Bush im fernen Washington eine Warnung sein.