Wenn Bülend Özaydınlı aus dem Fenster schaut, blickt er nach Europa. Auf einen Teil des Kontinents, der jünger wird statt älter und der wächst statt stagniert. "ÇELIK" heißt der Spielzeugroboter, der für die Koç-Tochter Arçelik wirbt

Der Blick von einem Hügel auf der asiatischen Seite der Stadt ist atemberaubend: Frachter und Fähren ziehen über das glitzernde Wasser des Bosporus, auf der gegenüberliegenden Seite der Meerenge, auf dem europäischen Ufer, ragen die Minarette der Hagia Sophia in den Himmel, etwas weiter rechts die Bürotürme des modernen Istanbul. Diesen Zipfel Europas beherrscht Özaydınlı schon. Die Taxis, die sich dort hupend durch die Gassen drängeln, stammen fast alle aus seinem Imperium, ebenso die Kühlschränke und Klimaanlagen, die in den Wohnungen der Zwölf-Millionen-Stadt surren, oder die Fernseher, auf denen sich ihre Einwohner an diesem Abend das Fußballspiel Galatasaray Istanbul gegen Olympiakos Piräus anschauen werden. Das Bier dazu kaufen sich viele in einem Laden aus Özaydınlıs Reich, mit Geld, das sie bei einer seiner Banken abgehoben haben. Özaydınlı ist der mächtigste Manager dieses Landes, er führt die Koç Holding.

Koç (gesprochen: Kodsch) ist in der Türkei, was in Deutschland Siemens, Metro, BMW, die Commerzbank, Hapag-Lloyd und noch ein paar Fleisch- und Milchproduzenten gemeinsam wären. Rund 55000 Menschen arbeiten für Koç, mehr als dreieinhalb Prozent des türkischen Bruttosozialprodukts stammen von dieser Firmengruppe. Praktisch in jedem türkischen Haushalt findet sich ein Produkt von einer der 100 Tochterfirmen. Jeder kennt ihre Marken.

Wenn Bülend Özaydınlı nach Europa blickt, schaut er selten aus dem Fenster.

Immer am Freitag versammelt der 55-Jährige seine wichtigsten Manager, dann beugen sie sich über die jüngsten Exportdaten, studieren Verkaufszahlen und diskutieren, wie weit sie vorangekommen sind – bei ihrem Vormarsch auf Europa. Denn der Riese Koç will weiterwachsen, vor allem im Ausland, vor allem in Europa. "Das ist Teil unseres strategischen Plans", sagt Özaydınlı. Heute macht Koç ein Drittel seiner Umsätze mit dem Ausland. "In fünf Jahren", erklärt der Konzernchef, "sollen es 50 Prozent sein."

Firmensitz im Pascha-Palast

Die Koç-Tochter Beko Elektronik ist bereits der drittgrößte Produzent von Fernsehgeräten für den europäischen Markt. In diesem Jahr soll sie zur Nummer zwei aufsteigen. Andere Töchter bauen gemeinsam mit Ford und Fiat Autos – für den türkischen Markt und für den Export. Der Ford Transit Connect und der Fiat Doblo gehen von der Türkei in alle Welt. Arçelik, die Tochter für Haushaltsgeräte, verkauft ihre Waschmaschinen, Staubsauger und Kühlschränke längst bei Karstadt. Oft unter fremdem Namen. Dann steht "Sanyo" auf der Waschmaschine oder "Grundig" auf dem Fernseher – dabei stammen sie vom Bosporus. Hunderttausende Deutsche haben längst ein Koç-Produkt in ihrer Küche oder in ihrer Garage stehen. Nur wissen sie das nicht.

In der Türkei ist Koç nicht nur eine bekannte Firma, sondern auch der Name der inoffiziellen ersten Familie des Landes. Vehbi Koç gehörte zu den wichtigsten Industriepionieren der Türkei. 1926, drei Jahre nach der Staatsgründung, übernahm er den Krämerladen seines Vaters in Ankara. Schon bald entwickelte er daraus eine Vertretung für ausländische Konzerne, verkaufte Autos von Ford und Öl von Standard Oil. Dann produzierte er selbst – Streichhölzer, Glühbirnen, Kabel und den ersten türkischen Pkw, den Anadol. 1996 starb der Gründer. Das Firmenimperium, das er hinterließ, liegt immer noch weitgehend in der Hand der Familie.