Seitdem das Wort von den "neuen Reaktionären" in Umlauf ist, gibt es niemanden, der ihm irgendeine Bedeutung geben konnte. Mangels genauerer Definition kann sich der Begriff wie der letzte Widerschein eines "linken Denkens" ausbreiten, das dem Licht von Sternen gleicht, die längst erloschen sind. Um weitere Verwirrung zu vermeiden, möchte ich ein wenig Klarheit schaffen. Ontologisch betrachtet setzt jede Reaktion die Aktion voraus. Wenn es neue Reaktionäre gibt, dann muss es auch neue Progressive geben. Die neuen Fortschrittlichen schätzen den Fortschritt nicht in seinem Eigenwert, sondern nur wegen seines Neuigkeitscharakters. Sie leben in einer andauernden Epiphanie, die in ihrer Einfalt sehr hegelianisch ist. Sie halten alle neuen Phänomene schon deshalb für phänomenal gut, weil sie in Erscheinung treten. Für sie wäre es reaktionär, Stringtangas oder Frauenschleier, Reality-TV oder radikale Islamisten abzulehnen. Denn alles, was entsteht, ist wert, dass es auch weitergeht.

Der neue Reaktionär, aus Prinzip allem Neuen abgeneigt, wirkt demgegenüber wie ein Griesgram. In Wahrheit müsste man ihn einen Konservativen nennen – also jemanden, der königstreu unter einem Monarchen oder stalinistisch unter Stalin gewesen wäre. Denn Reaktionäre wie Progressive sind gleichermaßen dumm in ihrer Auflehnung gegen den gesunden Menschenverstand, der das Neue will, wenn es gut ist, und der es ablehnt, wenn es nichts taugt. An dieser Stelle würde ich gern vierzehn Bemerkungen machen, begnüge mich aus Platzmangel aber mit zwei.

Erstens: Die Innovation ermüdet. Alle Alltagsgewohnheiten, gute oder schlechte, haben den Vorteil, das man sie routiniert erledigen kann, also mit minimaler Anstrengung. Die Wurzel allen Konservatismus ist die geistige Faulheit. Aber die Faulheit strebt zur Synthese, zur Suche nach gemeinsamen Strukturen unter den Verwerfungen der Oberfläche. Deshalb ist sie eine mächtige intellektuelle Tugend. Die Mathematik bevorzugt unter zwei gleichermaßen strengen Beweisen denjenigen, der kürzer ist und das Gedächtnis weniger ermüdet. Der geheimnisvolle Begriff der Eleganz einer Beweisführung ist gleichbedeutend mit seiner Kürze (was nicht erstaunlich ist, weil man auch die Eleganz einer Bewegung an ihrer Sparsamkeit bemisst).

Zweitens: Die wissenschaftliche Methodik, wie man sie üblicherweise als Abfolge von Theoriebildung und experimenteller Überprüfung kennt, beruht grundlegend auf einer konservativen Denkweise. Eine gute Theorie ist etwas Kostbares, eine hohe Errungenschaft, die ein Wissenschaftler nur dann aufgibt, wenn der Ausgang der Experimente es erzwingt. Wer jemals eine Theorie aus ernsten Gründen umstoßen musste, wird niemals zu ihr zurückkehren wollen. Erst dieser prinzipielle Konservatismus erlaubt, dass echter Fortschritt möglich wird, zuweilen sogar eine wirkliche Revolution (oder ein "Paradigmenwechsel", wie Thomas Kuhn sagt). Deshalb ist es nicht im Geringsten paradox , den Konservatismus als Quelle des Fortschritts zu bezeichnen und die Faulheit als Mutter der Effizienz.

Nun lässt sich dieses Prinzip allerdings nicht so leicht auf die Politik übertragen. Das ist der Grund, warum die eigentlich sympathische Einstellung der Konservativen ideologisch so schwächlich erscheint und so selten verstanden wird. Metaphorisch könnte man sagen, dass Konservative die Neigung haben, sich die Gesellschaft in Gestalt einer idealen Maschine vorzustellen, in der sich jeder Generationswechsel unter minimalem Kräfteverschleiß abspielt, in der Leid und Zwang möglichst gering gehalten werden wie die Reibungsverluste in der klassischen Mechanik (was allerdings eine drastische Begrenzung der Bevölkerungsdichte erfordern würde). In jedem Fall denkt der Konservative wie ein Taoist: dass es kein Problem in der Politik gibt, das sich nicht durch Untätigkeit lösen lässt. Und er beherzigt eine Sentenz des alten Goethe, nach der Ungerechtigkeit leichter zu ertragen ist als Unordnung – was nur zynisch klingt, wenn man vergisst, wie viel Ungerechtigkeit aus der Unordnung kommt. Einer der letzten Konservativen war jener von Huxley zitierte englische Lord, der in einem Leserbrief an die Londoner Times (jene "einst konservative Zeitung", wie Huxley schrieb) vorschlug, man solle den Krieg mit einem Kompromiss beenden.

Weil sich das menschliche Leben in einer biologischen, technischen und emotionalen Umwelt abspielt und nur nebenbei politisch geprägt ist und weil der Mensch vor allem private Zwecke verfolgt, entwickelt er gegen politische Überzeugungen eine instinktive Abneigung. Revoluzzer, Widerstandskämpfer, Patrioten und andere Störenfriede ziehen seine Verachtung auf sich, weil sie von nichts als Dummheit, Eitelkeit und Gewaltlust angetrieben werden. Im Gegensatz dazu wird der Konservative niemals Helden oder Märtyrer haben. Zwar rettet er niemanden, aber er hat auch keine Opfer auf dem Gewissen. Er besitzt nichts Heroisches. Aber dafür hat er den Charme, ein ziemlich ungefährliches Wesen zu sein.

Aus dem Französischen von Michael Mönninger