Frankreich Raufereien mit Trikolore
In Frankreich tobt ein Glaubenskrieg um Kopftücher, Integration und das Heiligtum der Verfassung, den Laizismus. Radikale verüben Anschläge auf assimilierte Muslime
Paris
Eigentlich sollte es das Jahr der großen Versöhnung werden. Da hatten sich die vier bis fünf Millionen französischen Muslime während der Irak-Krise geschlossen hinter den Anti-Kriegs-Kurs ihrer Regierung gestellt. Dann brachte Innenminister Sarkozy das Kunststück fertig, die zerstrittenen islamischen Gemeinden im offiziellen Zentralrat der Muslime zu ebenbürtigen Partnern der Christen und Juden zu machen. Und schließlich sollte jüngst mit der Ernennung eines muslimischen Präfekten erstmals eines der obersten nichtpolitischen Staatsämter an einen Immigranten gehen.
Doch eine Bombe unter dem leer stehenden Auto von Aissa Dermouche, dem künftigen Präfekten des ostfranzösischen Jura, zeigte am Wochenende, dass es mit der Versöhnung nicht weit her ist. Frankreich steckt in einem Glaubenskrieg: um Kopftücher, um Integration, um den französischen Laizismus. Die Bombe steht in einer ganzen Reihe von Gewaltausbrüchen. Bisher ist unklar, ob es sich um islamistische oder rechtsradikale Täter handelt. Doch ihr Ziel ist klar: Der Angriff galt dem gebürtigen Algerier als einer Symbolfigur der gelungenen Integration.
Der Anschlag ereignete sich nur wenige Stunden nach den ersten großen Demonstrationen, bei denen in Paris, Lille, Marseille, Mulhouse und anderen Städten insgesamt 20000 Muslime gegen das geplante Kopftuchverbot in der Schule auftraten. Allerdings blieben die islamischen Protestmärsche im einzigen laizistischen Land Europas neben der Türkei weit hinter den Erwartungen zurück. Sie hätten wenig Aufsehen erregt, wären sie nicht von berüchtigten Maulhelden organisiert worden.
An der Spitze des Pariser Umzugs auf dem Platz der Republik stand Mohammed Latrèche, Anführer einer winzigen Straßburger Splitterpartei namens Parti musulman français, der mit antiisraelischen und antiamerikanischen Parolen („Bush, Scharon, Hitler – alles das Gleiche“) Aufmerksamkeit auf sich zog. Zwar versuchten viele Marschgruppen – streng nach Geschlechtern getrennt – ein paar Meter Distanz zum Lautsprecherwagen des Scharfmachers zu gewinnen. Vor allem jüngere Frauen demonstrierten ihre Treue zur Republik, indem sie sich die Trikolore zum Kopftuch zusammengebunden hatten. Doch der Gesamteindruck vom „Tag des Hasses“ (France-Soir), vom „Aufmarsch der Islamisten“ (Le Parisien) war verheerend.
Als Dalil Boubakeur, der Rektor der Großen Moschee zu Paris und Präsident des muslimischen Zentralrats, in seinem Audienzzimmer die Schlagzeilen der Boulevardblätter studiert, kann er nur laut stöhnen: „Das ist es, was ich befürchtet habe.“ Eigentlich ist er selbst ein Gegner des geplanten Gesetzes, das ihm „unnötig, ja fast so gefährlich wie die Emser Depesche“ erscheint. Doch von Demonstrationen riet er bislang ab.
Turnhallengroße Gebetsräume
Nun sieht der liberale Islam-Gelehrte, den die Regierung als Ansprechpartner schätzt, mit Entsetzen die Zeitungsbilder der zerfetzten Präfekten-Limousine. Er ahnt, dass er von jetzt an selbst ins Visier der Extremisten geraten kann. Boubakeur wird mitten im Gespräch zu einer Krisensitzung ins Innenministerium gerufen. „Der Riss geht quer durch die islamische Gemeinde“, sagt er noch durch die offene Tür. „Er kann unsere gesamte Aufbauarbeit zerstören.“
Die andere Seite dieses Risses liegt zwanzig Kilometer weiter nördlich auf halbem Wege zwischen Paris und dem Flughafen Charles de Gaulle. Im Gegensatz zu Boubakeurs prachtvoller orientalischer Anlage am Pariser Jardin des Plantes haben die radikalen Muslime ihre Moschee in einer trostlosen Fabrikhalle des Industriegebietes von Courneuve eingerichtet. Lhaj Thami Breze, der Präsident der Union des organisations islamiques de France (UOIF), der mit 280 islamischen Vereinigungen sowie Finanzquellen aus Saudi-Arabien stärksten Kraft im Zentralrat der Muslime, entspricht allerdings gar nicht dem Bild des Fanatikers.
Der hochelegante Marokkaner, Absolvent einer französischen Grande Ecole, tritt mit hellgrauem Anzug, Krawatte und Pilotenbrille auf wie ein erfolgreicher Geschäftsmann. Er ist der Gegenspieler von Präsident Boubakeur, bewaffnet nicht mit dem Knüppel, sondern mit Anwälten: „Wenn das Gesetz gegen das Kopftuch kommt, werden wir den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte anrufen.“ Viele werfen ihm Doppelzüngigkeit vor, weil er sich nach außen hin republiktreu gibt, aber seinen Rückhalt an der Basis mit scharfen Sprüchen sucht. „Alles gelogen“, sagt Breze beim Gang durch seinen turnhallengroßen Gebetsraum. „Wir suchen im Kopftuchstreit einen Kompromiss, der die Muslime nicht diskriminiert.“
Bei allen Rivalitäten unter den islamischen Gruppen gerät fast in Vergessenheit, was die schweigende Mehrheit der französischen Muslime denkt. So lehnen laut einer repräsentativen Umfrage des Instituts Ifop 74 Prozent der muslimischen Frauen das Kopftuch ab, und eine knappe Mehrheit von ihnen befürwortet sogar das gesetzliche Verbot in Schulen. Nassera Benmarnia, Präsidentin der Union muslimischer Familien in Marseille, die kein Kopftuch trägt, beklagt: „Muslime gelten in der Öffentlichkeit allmählich als Sonderlinge, die sich nicht um ihre Arbeit, Kinder und Wohnviertel kümmern, sondern die nur noch Religion und Schleier im Kopf haben.“ Dabei soll das geplante Schulgesetz gegen alle demonstrativen religiösen Insignien, auch Kreuz und Kippa, vor allem präventiven Charakter gegen die islamistische Infiltration haben. Bislang waren die Regelverstöße noch überschaubar. Laut Innenministerium gab es bei Schulbeginn im Herbst 2003 im Land 1256 Mädchen mit Schleier, darunter 20 schwierige Fälle, von denen 6 mit Schulverweis geahndet wurden.
Der Soziologe Alain Touraine, Mitglied der Präsidenten-Kommission zur Laizität, war einst Gegner des Kopftuchverbots. Heute sagt er: „Nicht ich habe mich verändert, es ist unser Land, das ein anderes geworden ist. Seit der Intifada droht Frankreich kommunitaristisch zu werden. In den Schulen unterscheiden sich die Schüler nicht mehr durch soziale Klassen oder Mode, sondern immer mehr durch Religion.“ Und auch Jack Lang, der einst als Kulturminister ebenfalls jedes Verbot ablehnte, räumt heute ein: „Wir waren etwas naiv, weil wir damals noch nicht die Gefahren des radikalen Islams kannten.“
Auch die Muslime Tokia Saifi, Staatssekretärin im Pariser Umweltministerium, rät zu erhöhter Wachsamkeit. „In der heutigen, dritten Einwanderergeneration gibt es deutlich regressive Tendenzen. Bislang haben islamische Frauen alles getan, um religiösen Zwängen zu entkommen, jetzt werden ihre Rechte wieder infrage gestellt.“ Sie hält es für ein Kennzeichen des islamischen Fundamentalismus, dass er „die Frauen als wichtigsten Hebel benutzt“.
So stimmen die meisten Franzosen darin überein, die liberalen Muslime zu stärken. Nur bleibt umstritten, ob nun mit dem Knüppel des Gesetzes geregelt werden soll, was gemäß der 1905 festgeschriebenen Trennung von Kirche und Staat eine Art Gewohnheitsrecht war, das jeder Schulleiter nach eigenem Ermessen durchsetzen konnte. Auch wenn Präsident Chirac sein Gesetz bis Herbst 2004 durchsetzt, können sich französische Muslimen damit trösten, spätestens mit dem Eintritt in die Universität wieder ungehindert ihr Kopftuch tragen zu dürfen.
- Datum 22.01.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 22.01.2004 Nr.5
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