Frankreich Raufereien mit TrikoloreSeite 2/2

Die andere Seite dieses Risses liegt zwanzig Kilometer weiter nördlich auf halbem Wege zwischen Paris und dem Flughafen Charles de Gaulle. Im Gegensatz zu Boubakeurs prachtvoller orientalischer Anlage am Pariser Jardin des Plantes haben die radikalen Muslime ihre Moschee in einer trostlosen Fabrikhalle des Industriegebietes von Courneuve eingerichtet. Lhaj Thami Breze, der Präsident der Union des organisations islamiques de France (UOIF), der mit 280 islamischen Vereinigungen sowie Finanzquellen aus Saudi-Arabien stärksten Kraft im Zentralrat der Muslime, entspricht allerdings gar nicht dem Bild des Fanatikers.

Der hochelegante Marokkaner, Absolvent einer französischen Grande Ecole, tritt mit hellgrauem Anzug, Krawatte und Pilotenbrille auf wie ein erfolgreicher Geschäftsmann. Er ist der Gegenspieler von Präsident Boubakeur, bewaffnet nicht mit dem Knüppel, sondern mit Anwälten: „Wenn das Gesetz gegen das Kopftuch kommt, werden wir den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte anrufen.“ Viele werfen ihm Doppelzüngigkeit vor, weil er sich nach außen hin republiktreu gibt, aber seinen Rückhalt an der Basis mit scharfen Sprüchen sucht. „Alles gelogen“, sagt Breze beim Gang durch seinen turnhallengroßen Gebetsraum. „Wir suchen im Kopftuchstreit einen Kompromiss, der die Muslime nicht diskriminiert.“

Bei allen Rivalitäten unter den islamischen Gruppen gerät fast in Vergessenheit, was die schweigende Mehrheit der französischen Muslime denkt. So lehnen laut einer repräsentativen Umfrage des Instituts Ifop 74 Prozent der muslimischen Frauen das Kopftuch ab, und eine knappe Mehrheit von ihnen befürwortet sogar das gesetzliche Verbot in Schulen. Nassera Benmarnia, Präsidentin der Union muslimischer Familien in Marseille, die kein Kopftuch trägt, beklagt: „Muslime gelten in der Öffentlichkeit allmählich als Sonderlinge, die sich nicht um ihre Arbeit, Kinder und Wohnviertel kümmern, sondern die nur noch Religion und Schleier im Kopf haben.“ Dabei soll das geplante Schulgesetz gegen alle demonstrativen religiösen Insignien, auch Kreuz und Kippa, vor allem präventiven Charakter gegen die islamistische Infiltration haben. Bislang waren die Regelverstöße noch überschaubar. Laut Innenministerium gab es bei Schulbeginn im Herbst 2003 im Land 1256 Mädchen mit Schleier, darunter 20 schwierige Fälle, von denen 6 mit Schulverweis geahndet wurden.

Der Soziologe Alain Touraine, Mitglied der Präsidenten-Kommission zur Laizität, war einst Gegner des Kopftuchverbots. Heute sagt er: „Nicht ich habe mich verändert, es ist unser Land, das ein anderes geworden ist. Seit der Intifada droht Frankreich kommunitaristisch zu werden. In den Schulen unterscheiden sich die Schüler nicht mehr durch soziale Klassen oder Mode, sondern immer mehr durch Religion.“ Und auch Jack Lang, der einst als Kulturminister ebenfalls jedes Verbot ablehnte, räumt heute ein: „Wir waren etwas naiv, weil wir damals noch nicht die Gefahren des radikalen Islams kannten.“

Auch die Muslime Tokia Saifi, Staatssekretärin im Pariser Umweltministerium, rät zu erhöhter Wachsamkeit. „In der heutigen, dritten Einwanderergeneration gibt es deutlich regressive Tendenzen. Bislang haben islamische Frauen alles getan, um religiösen Zwängen zu entkommen, jetzt werden ihre Rechte wieder infrage gestellt.“ Sie hält es für ein Kennzeichen des islamischen Fundamentalismus, dass er „die Frauen als wichtigsten Hebel benutzt“.

So stimmen die meisten Franzosen darin überein, die liberalen Muslime zu stärken. Nur bleibt umstritten, ob nun mit dem Knüppel des Gesetzes geregelt werden soll, was gemäß der 1905 festgeschriebenen Trennung von Kirche und Staat eine Art Gewohnheitsrecht war, das jeder Schulleiter nach eigenem Ermessen durchsetzen konnte. Auch wenn Präsident Chirac sein Gesetz bis Herbst 2004 durchsetzt, können sich französische Muslimen damit trösten, spätestens mit dem Eintritt in die Universität wieder ungehindert ihr Kopftuch tragen zu dürfen.

 
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