Wie man in Deutschland kriminell wird? Ganz einfach! Indem man sich betrunken ans Steuer setzt. Seinen Müll in die Natur kippt. Einen anderen "Arschloch" nennt. Ohne Fahrkarte U-Bahn fährt. Beamte beschenkt und dafür Vorteile erhält. Mit 180 Stundenkilometern durch die Innenstadt rast. Sich als Putzfrau schwarz etwas dazuverdient. Einer fremden Frau an den Busen fasst. Mit unbezahlter Ware unterm Arm das Kaufhaus verlässt. Handgreiflich wird. Ein Sümmchen bei der Einkommensteuererklärung verschweigt und so weiter… Wir alle kennen bestimmt jemanden, der solche Delikte begangen hat. Oder bleibt der Blick schon im Spiegel hängen?

Kriminalität im strafrechtlichen Sinne ist die Summe aller mit Strafe bedrohten Handlungen. Zum Kriminellwerden gehört aber vor allem eines: das Erwischtwerden. Wer nicht ertappt wird, und das sind die allermeisten Delinquenten – zum Beispiel 90 Prozent der Ladendiebe, aber auch eine ganze Reihe Mörder – wird nicht bestraft und kann sein Leben als braver Bürger weiterführen. Aber auch, wer erwischt wird, muss nicht gleich hinter Gitter, nur zwei bis drei Prozent aller polizeilichen Tatverdächtigen landen im Gefängnis.

Wer in Deutschland als Verdächtiger tatsächlich in die Polizeistatistik eingeht, ist vor allem eines: männlich. Schwindler und korrupte Bürgermeister, Eierdiebe und Mafiabosse – Frauen spielen in der Kriminalstatistik eine Nebenrolle, ihr Anteil liegt um die 20 Prozent. Warum das so ist, darüber streiten sich die Gelehrten. Die einen meinen, es sei angeboren, die anderen meinen, es sei anerzogen – wahrscheinlich handelt es sich um eine Mixtur aus genetischen, hormonellen, erziehungsbedingten und gesellschaftlichen Faktoren. Genau weiß es niemand.

Bei den Jugendlichen ist das Geschlechterphänomen besonders frappant. 95 Prozent aller männlichen Jugendlichen werden mindestens einmal kriminell, sagt die Dunkelfeldforschung. Die wenigsten werden allerdings erwischt, und das ist gut so. Denn Jugendkriminalität ist fast immer eine "Krankheit", die sich selber heilt. Die Mahnung "Wehret den Anfängen!" ist deshalb übertrieben, denn nur wenige Täter gehen über den Anfang hinaus. Die Verstöße Jugendlicher sind in der Regel Bagatelldelikte. Schwarzfahren, Beleidigungen, Raufereien, Haschischkaufen, Klauen, Sachbeschädigung, kleine Einbrüche – das sind massenhafte, ubiquitäre und vorübergehende Erscheinungen, die immer noch der normalen Persönlichkeitsentwicklung eines jungen Mannes zugerechnet werden. In diesem Punkt sind sich Strafrechtsgelehrte und Kriminologen einig. Auch Mehrfach- und Vielfachtätern ist der Weg vom jugendlichen Nichtsnutz zum professionellen Panzerknacker nicht schicksalhaft vorbestimmt. Die meisten finden auf den Pfad der Tugend zurück (oder setzen ihre Untaten außerhalb des Lichtkegels amtlicher Kriminalstatistiken fort).

Kriminalität wächst durch Aufmerkamkeit

Dass die Jugendkriminalität in den Kurven des Bundeskriminalamtes trotzdem hochgeschnellt ist (siehe Grafik), hat mehrere Gründe. Zum einen vervielfachte sich nach der Wiedervereinigung die Zahl der Eigentumsdelikte im Osten: Mit Konsumreizen und Werbung überschüttete Jugendliche in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern griffen munter zu. Ausgeklügelte Sicherungssysteme, Heere neu eingestellter Kaufhausdetektive und allgegenwärtige Videokameras tragen zur massenhaften Überführung jugendlicher Frevler bei. Dazu kommt die erhöhte öffentliche Aufmerksamkeit, die dem Phänomen der Jugendkriminalität in den vergangenen Jahren zuteil wird und die damit einhergehende Anzeigefreudigkeit. Die (statistische) Kriminalität wächst also auch dadurch, dass man über sie liest und spricht.