Es war wohl doch nur ein Gerücht. Lange hatte es geheißen, die moderne Kunst brauche nichts dringender als Kritik. Sie könne nicht sein ohne erklärende Worte, ohne Kommentar und Einschätzung. In Wahrheit braucht sie nichts dergleichen. Niemand würde die Kritiker vermissen, wenn sie ab sofort schwiegen.

Früher, ja, da konnte sich der Kritiker als Agent der Moderne verstehen, seine Aufgabe war es, für die Avantgarde zu werben, Seit an Seit mit den Künstlern, vereint im Kampfe gegen die Spießer des Kleinbürgertums. Heute sind die großen Ästhetikschlachten geschlagen, die Moderne ist durchgesetzt, der Kritiker als Kampfgenosse nicht mehr gefragt.

Auch als Späher, als Talentsucher und Trendforscher wird er kaum noch gebraucht. Das übernehmen heute Ausstellungsmacher, die in den Hochschulen und Ateliers nach dem fahnden, was noch nicht in den Kunstmarkt integriert ist. Sie sind die Hüter des Neuen und die Gesprächspartner des Künstlers, seine Berater und Mentoren.

Und selbst auf das Theoretisieren hat der Kritiker heute keinen Alleinanspruch mehr. Oft genug sind es heute die Künstler, die nach den Vorbedingungen der Kunst fragen und die Macht des Marktes und der Museen in Zweifel ziehen. Alle diese Themen spielen hinein in ihr künstlerisches Wirken – und machen den Kritiker überflüssig.

Künstler sind Kritiker, Kritiker Kuratoren und Kuratoren Künstler

Was also kann er noch sein? Bleibt ihm noch etwas? Natürlich bleibt ihm viel. Allerdings nur, wenn er die eigenen Grenzen neu bestimmt. Und wenn er nach den Grenzen der Kunst wieder fragt.

Vor Grenzziehung aber scheuen die meisten Kritiker zurück. Sie lieben die Rolle des Hybriden: Mal rezensieren sie Ausstellungen, dann wieder richten sie diese aus; mal besuchen sie eine Galerie als Abgesandte der veröffentlichten Meinung, dann mimen sie dort den Vernissagenredner, bezahlt vom Galeristen; mal beraten sie Sammler und Museen, dann schreiben sie über diese; mal sind sie Freund des Künstlers, mal sein Kritiker. Längst ist das Unreine zum Leitbild geworden. Künstler treten auf als Kritiker, Kritiker treten auf als Kuratoren, Kuratoren treten auf als Künstler, Künstler treten auf als Kuratoren. Ein jeder kann auch ein anderer sein.