Kunstkritik Die Feigheit der Kritiker ruiniert die KunstSeite 5/5

Als Erwartungsgeograf kann der Kritiker die vielen Funktionen der Kunst aufdecken und erörtern. Die Kunst kann uns einen schönen Sonntagnachmittag bescheren, sie kann für uns zur Existenzfrage werden, sie kann auch nichts weiter sein als ein Gegenstand, der einem vertraut und deshalb lieb ist. Sie darf einen Ort der Offenheit und Verunsicherung markieren, aber auch einen Ort, an den man flüchtet mit seinen Sehnsüchten und Ängsten. Das alles kann sie sein, und natürlich ist es nicht die Aufgabe des Kritikers, eine dieser Funktionen zu unterbinden. Er kann nur fragen, ob die Kunst mit den Erwartungen, die man an sie heranträgt, umgeht – ob sie diese erfüllt oder ob sie sich verweigert. Und ob diese Erfüllung oder Verweigerung die Kunst stärkt, schwächt oder gar zum Verschwinden bringt.

Wann werden Kritiker so üppig gefördert wie die Künstler?

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Als Grenzschützer muss sich der Kritiker gerade mit diesem Entfleuchen befassen. Die Gegenwartskunst neigt dazu, sich im Alltäglichen aufzulösen. Es gibt viele Künstler, die alles sein wollen: Reporter, Ethnologen, Masseure, Philosophen, Köche – nur nicht Künstler. Und auch deshalb ist das Urteil der Kritiker gefragt. Ihnen obliegt es, die Kontinente der Kunst zu vermessen, die tektonischen Verschiebungen zu registrieren und die Grenzen zu bestimmen. Nicht in einem hoheitlichen Akt, der Kritiker ist ja kein Grenzschützer mit Schießbefehl. Vielmehr geht es ihm darum, die Kunst davor zu bewahren, sich in Beliebigkeit aufzulösen.

Gerade diese Beliebigkeit ist es, die der aktuellen Kunst am meisten zu schaffen macht. Es fehlt ihr ein Gegenüber, es fehlt an Reibung, an Kritikern, die mit Disrespekt und Zuneigung, mit Abstand und Nähe, mit Eiseslogik und Emphase über die Bilder der Gegenwart und Geschichte schreiben. Die vormachen, dass man durchaus über Kunst und Geschmack streiten kann. Und die damit andere ermuntern, sich ein eigenes Bild von der Kunst zu machen. Höchste Zeit also, dass Kritiker so gut bezahlt werden, dass sie sich Freiheit und Meinung leisten können, dass sie mit Preisen bedacht werden, mit Stipendien und Werkverträgen. Höchste Zeit, dass man Kritiker fördert wie Künstler.

 
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