Roman Wer weiß schon, was die Toten wollen
Stewart O’Nans virtuoser Horrorroman erzählt von einer Katastrophe in der Halloween-Nacht und erweckt Furcht und Mitleid
Seltsam, dass ein solches Halloween-Buch nicht im Herbstprogramm platziert werden konnte. Denn das aus den USA reimportierte heidnische Fest der umgehenden Toten wird inzwischen mit viel Kürbislametta und orange-schwarzem Mummenschanz auch hierzulande groß inszeniert. Das christliche Allerseelen hat sich längst zwischen gebeugten alten Menschen auf abgelegenen Dorffriedhöfen versteckt, dafür grimassieren in den Kinderzimmern und -gärten, bei Colapartys und ersten durchgemachten Nächten die Horrorfiguren aus Film und Fernsehen umso dreister. Ein Licht-, Kostüm- und Konsumspektakel erster Güte, in dem zelebriert wird, wie auch die Totenerinnerung in die besinnungslose Feier des Augenblicks überführt werden kann. Eine bunte und laute Travestie, in der die schrillen Typen die leisen Toten überstimmen.
Das ist das eine, um das es in diesem neuen, gerade auf Deutsch erschienenen Roman des amerikanischen Autors Stewart O’Nan geht. Das andere ist die Sterblichkeit der Menschen, die Tatsache, dass sie Leid empfinden, mit Verlust und Schuld nicht fertig werden, dass sie daraus Deutung und Wahn generieren und dass diese ihre Verfassung sich zu allen Zeiten und unter allen Umständen offenbart. Auch und vor allem in der Halloween-Nacht. Dies zu zeigen, ist Stewart O’Nan angetreten. Ein schwerer literarischer Gang, denn er bedient die geläufige Gespenster- und Gruselerwartung, beschwört das eingespielte Fun- und Horrorspektakel herauf, und zugleich fordert er stärkste Empathie für seine schwer, bis zur Lebensunfähigkeit traumatisierten Figuren.
Seine Helden waren Täter, Zeugen und Opfer eines grausamen Verkehrsunfalls, der sich ein Jahr zuvor an Halloween in einer amerikanischen Kleinstadt ereignet hat. Und jetzt gesellen sie sich willentlich oder nicht zu ihren teuren Toten, nach denen sie rufen oder die sie rufen – wer weiß schon, was die Toten wollen?
Zu den zentralen Figuren des Romans gehört der ausgebrannte Verkehrspolizist Brooks, der vor einem Jahr mit Blaulicht hinter dem „alten Camry“, dem Wagen mit den fünf Jugendlichen, hergerast ist, welcher bei der Verfolgung gegen einen Baum prallte, drei Tote ausspuckte und neben dem unversehrten Tim den geistig und körperlich völlig verkrüppelten Kyle zurückließ. Brooks ist von Schuldgefühlen ausgehöhlt, seine Frau hat ihn verlassen, nachlässig versieht er seinen Dienst und lebt nur noch auf die kommende, die jetzt erzählte Halloween-Nacht hin. Warum? Wegen der Schuldgefühle, die nach Wiederholung, erneutem Eintauchen in die Szene des Schmerzes verlangen. Oder wegen Tim, des überlebenden Jungen? Und Kyle, dessen entstelltem Kumpel?
Tim gehört eine Reihe weiterer Kapitel im Roman. Er hat Abschied genommen von seinem normalen Leben, ohne dass es in seiner Umgebung bemerkt wurde. Die Nähe zu seinen toten Freunden, besonders zu seiner Freundin Danielle, die auf seinem Schoß saß in jener Nacht, hat sein Leben sinnlos und leer gemacht. „Wirklich“ kommuniziert er nur noch mit den Toten, und die intensivste Kommunikation ist es, sich in rasender Autofahrt zu ihnen zu gesellen. Brooks, der Hüter des Städtchens, ahnt das, weil es ihm ähnlich geht. Er passt auf Tim auf, er verfolgt ihn, besonders an diesem Jahrestag. Ihn und Kyle, den wir vor allem aus der Perspektive seiner in stiller Verzweiflung sorgenden Mutter kennen lernen. Kyle wird von Tim täglich im Auto mitgenommen zu einfachsten Arbeiten in einem Supermarkt. Und auch in dieser Nacht der Nächte nimmt Tim Kyle mit…
Alles läuft auf diese Fahrt in die Mitternacht zu, in der geschehen ist, was die überlebenden Beteiligten nicht ertragen. Sie sind besessen von der Erinnerung, sie starren auf Fotos, rekonstruieren Zeitabläufe, prägen sich Spuren, Zeichnungen und Diagramme ein. Sie kommen nicht runter von diesem Trip aus Schuld und sinnlosem Überleben. Rasch wird beim Lesen klar, dass von den drei verzahnten psychologischen Modellen der Traumabewältigung – Erinnern, Durcharbeiten und Wiederholen – das dritte die entscheidende Option ist. Sie trägt die Spannungsstruktur des Romans, der dadurch auch zu einem Horrorroman wird.
Am Ende geht es zu wie im Traum: Alles läuft auf die erneute Katastrophe zu, man weiß es, man will es verhindern, und zugleich will etwas in einem ebendas nicht, und mit einer letzten leidenschaftlichen Konvulsion endet das Schuld-Begehren – und der Roman.
Vierundzwanzig Stunden in der Kleinstadt Avon, Connecticut, wo Stewart O’Nan mit seiner Familie wohnt, werden erzählt. Halloween rund um die Uhr. Wir erfahren viel von Siedlungen, Straßen und Straßenrändern, von Auffahrten und Parkplätzen, naturgemäß das meiste vom Auto aus. Halloween ist eigentlich ein drive through- Roman, wie schon O’Nans Speed Queen. Nun ja, das alles, der ganze Horror, das schlimme Schicksal mag auch von den fehlenden Bürgersteigen kommen, wie es ein Romanmotto suggeriert. Das jedenfalls liegt näher, als über Sinnlosigkeit, Nihilismus und Jugendwahn in den USA zu jammern. Nein, unerbittlich, sinn- und grundlos ist das Geschick, zumindest aus der Perspektive der Beteiligten. Und über die geht O’Nan, wie in allen seinen Romanen, nicht hinaus, nicht explizit jedenfalls. Das macht sie alltagsnah, detailgesättigt, dicht und in ihren Short-Story-haften Verkürzungen mitreißend.
Nur mit den Erzählern treibt er es oft wild. In Speed Queen spricht die Heldin zu Stephen King, in Das Glück der Anderen wird der Held mit Du angesprochen, in Halloween nun, dies der Clou, sprechen die Toten. Meist der stille Marco, der gelegentlich auch „wir“ sagt. Ein kluger Kunstgriff, den man allerdings nicht zu intensiv befragen darf. Manchmal fungieren die Toten wie allwissende Erzähler, manchmal reden sie launisch-sarkastisch: denn sie sehen und verstehen vieles, können aber nichts bewegen, nicht direkt eingreifen ins weltliche Geschehen. Sie sind als Geister unterwegs, Teenager-Erinnyen, immer bei dem, der ihrer gedenkt. Das begründet erzähltechnisch ganz wunderbar die enge Handlungsführung und die Konzentration auf im Grunde ein einziges Motiv. Trauer und Schuld sind die Triebkräfte der Kommunikation mit den Toten. Die Erinnerung erlischt, wenn sich die Toten die Lebenden holen.
Stewart O’Nan spielt diese Anordnung in seinem Horror- und drive through -Roman virtuos und spannungsreich durch. Er evoziert wie ein antiker Dramatiker unsere Empfindungen Furcht und Mitleid. Gibt es Gründe, den grandiosen Vielschreiber dafür nicht zu bewundern? Nehmen wir ihm etwa das schrille Halloween-Setting übel? Dass er mit Entsetzen Scherz treibt? Dass er von der gothic novel bis zur Halloween-Klamotte alles schamlos herbeizitiert, um seinen Roman populärmythologisch zu rahmen? Aber sind wir nicht umgekehrt bereit, unsere Empathie mit den vom Schicksal Geschlagenen in den Kulisssen kulturell approbierter Geisterbahnen auszuleben?
Seien wir nicht so streng mit uns Zuschauern des Unglücks! O’Nans Geisterbahn fährt auf einem schmalen Grat zwischen Kitschstaffage und wahrhaftiger Katastrophe. Ob und wie ihm das gelingt, ist das eigentlich Spannende. Außerdem ist der Roman Allerseelen auch schon geschrieben, von Cees Nooteboom, einem europäischen, einem ganz andersartigen Erinnerungsbeschwörer.
Stewart O’Nan: Halloween Roman; aus dem Englischen von Thomas Gunkel; Rowohlt Verlag, Reinbek 2004; 256 S., 19,90 ¤HalloweenBelletristikenglischRoman; aus dem Englischen von Thomas GunkelStewart O’NanBuchRowohlt Verlag2004Reinbek19,90256Thomas Gunkel- Datum 22.01.2004 - 13:00 Uhr
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- Serie belletristik
- Quelle (c) DIE ZEIT 22.01.2004 Nr.5
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