Roman Wer weiß schon, was die Toten wollenSeite 2/2

Nur mit den Erzählern treibt er es oft wild. In Speed Queen spricht die Heldin zu Stephen King, in Das Glück der Anderen wird der Held mit Du angesprochen, in Halloween nun, dies der Clou, sprechen die Toten. Meist der stille Marco, der gelegentlich auch „wir“ sagt. Ein kluger Kunstgriff, den man allerdings nicht zu intensiv befragen darf. Manchmal fungieren die Toten wie allwissende Erzähler, manchmal reden sie launisch-sarkastisch: denn sie sehen und verstehen vieles, können aber nichts bewegen, nicht direkt eingreifen ins weltliche Geschehen. Sie sind als Geister unterwegs, Teenager-Erinnyen, immer bei dem, der ihrer gedenkt. Das begründet erzähltechnisch ganz wunderbar die enge Handlungsführung und die Konzentration auf im Grunde ein einziges Motiv. Trauer und Schuld sind die Triebkräfte der Kommunikation mit den Toten. Die Erinnerung erlischt, wenn sich die Toten die Lebenden holen.

Stewart O’Nan spielt diese Anordnung in seinem Horror- und drive through -Roman virtuos und spannungsreich durch. Er evoziert wie ein antiker Dramatiker unsere Empfindungen Furcht und Mitleid. Gibt es Gründe, den grandiosen Vielschreiber dafür nicht zu bewundern? Nehmen wir ihm etwa das schrille Halloween-Setting übel? Dass er mit Entsetzen Scherz treibt? Dass er von der gothic novel bis zur Halloween-Klamotte alles schamlos herbeizitiert, um seinen Roman populärmythologisch zu rahmen? Aber sind wir nicht umgekehrt bereit, unsere Empathie mit den vom Schicksal Geschlagenen in den Kulisssen kulturell approbierter Geisterbahnen auszuleben?

Seien wir nicht so streng mit uns Zuschauern des Unglücks! O’Nans Geisterbahn fährt auf einem schmalen Grat zwischen Kitschstaffage und wahrhaftiger Katastrophe. Ob und wie ihm das gelingt, ist das eigentlich Spannende. Außerdem ist der Roman Allerseelen auch schon geschrieben, von Cees Nooteboom, einem europäischen, einem ganz andersartigen Erinnerungsbeschwörer.

Stewart O’Nan: Halloween Roman; aus dem Englischen von Thomas Gunkel; Rowohlt Verlag, Reinbek 2004; 256 S., 19,90 ¤HalloweenBelletristikenglischRoman; aus dem Englischen von Thomas GunkelStewart O’NanBuchRowohlt Verlag2004Reinbek19,90256Thomas Gunkel
 
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  • Quelle (c) DIE ZEIT 22.01.2004 Nr.5
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  • Schlagworte Roman | Literatur | Cees Nooteboom | Connecticut | USA
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