RomanDer romantische Aussteiger

Nach Sándor Márai gilt es, wieder einen großartigen ungarischen Klassiker zu entdecken: Antal Szerb und seine "Reise im Mondlicht" von György Dalos

Im Jahr 1935 erschien in Ungarn Sándor Márais Roman . Sein Held, der Richter Ko˝mives soll ein Ehepaar scheiden, doch ist der Mann der Schulkamerad und die Frau die Jugendliebe des Richters, deren anhaltende Gefühle füreinander die Ehe zerstört haben. In Béla Zsolts 1936 erschienenem Roman heiratet ein wohlhabender jüdischer Rechtsanwalt die Tochter seines verarmten Klienten, ihr Zusammenleben wird zur Hölle, ihr Kind tot geboren. In Antal Szerbs 1937 veröffentlichtem Roman verlässt der Protagonist Mihály seine junge Frau, die er seinem Freund soeben ausgespannt hat, gleich in den Flitterwochen.

Offenbar geht es in der Literatur der Vorkriegszeit in Ungarn vor allem um eines: die Zerbrechlichkeit ehelicher und außerehelicher Zweierbeziehungen. Die Übereinstimmungen der Haupt- und Nebenmotive dieser drei wichtigsten ungarischen Romane der späten dreißiger Jahre sind erstaunlich – Vegetieren der väterlichen Firma am Rand der Pleite, Assimilationskonflikte, "Verwirrung der Gefühle", Flucht ins Ausland, Rückkehr ohne Ankommen, Panik, Krankheit, Morphium und Selbstmord. Sie ergaben sich sowohl aus den realen Verhältnissen als auch aus dem öffentlichen Diskurs jener Zeit.

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Szerbs Œuvre erreichte meine Generation in den frühen sechziger Jahren im Laufe der allmählichen Enttabuisierung der modernen Klassik. Als Erstes konnten wir seine Geschichte der Weltliteratur lesen, allerdings in einer offen zensurierten Version. Ein Vorwort des Herausgebers erklärte uns, dass das Kapitel über die Sowjetliteratur aufgrund der "bürgerlichen Beschränkung der Theorie" des Autors gestrichen wurde, zumal wir dieses Thema im Ergebnis der "Aufklärungsarbeit" seit 1945 "heute besser kennen". Wer mehr wissen wollte und Glück hatte, konnte in einem Antiquariat die Vorkriegsausgabe erwerben und die erstaunlich gründlichen Kenntnisse, die ironischen und zutreffenden Charakteristiken des Autors genießen. Dasselbe gilt für seine ebenfalls "redaktionell" gekürzte Geschichte der ungarischen Literatur. Und doch öffneten die beiden Bücher manche Fenster in eine Gedankenwelt, die der Vulgärmarxismus verächtlich und vereinfachend als "Geistesgeschichte" abgetan hatte. Szerbs respektloser, kritischer Umgang mit jedwedem Kanon und jedweder Autorität imponierte und verunsicherte.

Uns machte die Reise im Mondlicht in einer Weise unruhig wie weiland Die Leiden des jungen Werther seine zeitgenössischen Leser. Wir waren beinahe krankhaft darauf gespannt, ob der Held Mihály auf seiner Flucht vor dem Eheglück das wirkliche Glück findet – ehrlich gesagt, beneideten wir ihn um die freie Westreise – und ob die (zugegeben bürgerliche) Freiheit überhaupt etwas mit Glück oder Unglück zu tun hat? Tatsächlich faszinierend fanden wir jedoch die Nebengestalten – die Geschwister Tamás und Éva Ulpius mit ihrer erotisch gefärbten Beziehung, den Geheimbund im Hause Ulpius, ihre Schauspielerei und schließlich den mysteriösen Freitod des Jungen, der nicht Beamter werden wollte. Suizide gehörten in Ungarn ohnehin zu den festesten Topoi nicht nur der Literatur, sondern auch des Lebens (Selbstmordrate 1970: 34,6, 1981: 45,6 pro 100000 Einwohner – eine der höchsten in der Welt).

Ein Säugling mit Brille

Einige Autoren sind der Meinung, dass die Reise im Mondlicht nicht nur von Cocteaus Roman Die Kinder des Olymp inspiriert ist, sondern auch unter dem Einfluss von Márai entstand. Dies könnte allemal chronologisch stimmen: Szerb hat nach seiner Italienreise, 1936, einen halbwegs fertigen historischen Roman abgebrochen, um sich der Geschichte von Mihály widmen zu können. Offensichtlich stand ihm das Drama des studierten Religionswissenschaftlers, der zwangsweise in das Geschäft seines Vaters einsteigt und nach seinem verzweifelten Ausbruchsversuch in das bürgerliche Leben zurückkehrt, persönlich näher – er brauchte eine Rückbesinnung auf die eigene Jugend – der fast gleichaltrige Márai tat dies bereits 1934 mit seinen Bekenntnissen eines Bürgers .

Der biografische Kontext des berühmten Romans ist inzwischen in seiner vollen Tragweite bekannt geworden – dank der jahrzehntelangen Arbeit des Literaturhistorikers György Poszler sowie der Veröffentlichung von Szerbs Jugendtagebüchern und anderer Frühwerke. Zu den Letzteren zählt eine im Sommer 1919 verfasste, noch unreife und konstruierte Erzählung mit dem bemerkenswerten Titel: Wie ist Tamás Ulpius gestorben? Der Held, ein übersensibler 18-jähriger Mann, Anhänger sowohl der "griechischen Liebe" als auch katholischer Asketen, Mathematiker, Künstler und Mystiker, wohnt in einem alten Haus und bereitet sich darauf vor, "die Illusion des Todes" zu erfüllen. All dies erfahren wir von dem Ich-Erzähler, der wiederum bereits die Konturen von Mihálys Gestalt aus dem späteren Roman erahnen lässt.

Károly Szerbs Vater, ein wenig erfolgreicher jüdischer Geschäftsmann mit künstlerischen Neigungen, bat bei der Geburt seines Sohnes Antal den Geistlichen Ottókár Prohászka, die Patenschaft zu übernehmen. Prohászka war damals die charismathische Leitfigur einer katholischen "Erneuerungsbewegung", die das Christentum durch dessen Modernisierung gegenüber dem Liberalismus und Sozialismus kampffähig machen wollte. Später, in den zwanziger Jahren, verkündete er bereits als Bischof einen militanten Antisemitismus, aber am Jahrhundertbeginn trug er noch zur "Bekehrung" zahlreicher jüdischer Intellektueller bei.

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