Der schwache, kränkelnde Junge (im Rückblick beschreibt er sich als "Säugling mit Brille") lernt im Gymnasium der Piaristen und wird bald zum begeisterten Pfadfinder. Die Eintragungen im Tagebuch bezeugen jedoch seinen wachsenden inneren Zwist; einerseits hält ihn das christliche Kollektiv-Erlebnis gefangen, andererseits lehnt er sich gegen die sexuelle Enthaltsamkeit auf. Zu dieser Zeit liest Szerb Wedekinds Frühlingserwachen, und sein Bildungshorizont reicht weit über die religiöse Literatur hinaus. In den Studienjahren akzeptiert er nur noch zwei Arten der Askese: das Lesen und sublimierte literarisch-romantische Freundschaften. Allerdings sind seine meisten Weggefährten katholisch getaufte Juden, wie der Essayist Gábor Halász, der Romancier und geistige Begründer des literarischen "Populismus" György Sárközi und der Lyriker Miklós Radnóti.

Der Fremde im Schriftsteller

Szerbs immense Kenntnisse fanden ihre erste Synthese in der Romantheorie Die Suche nach dem Wunder, in dem Romanessay Pendragon-Legende sowie in den beiden Literaturgeschichten. Das letzte große Werk, der Roman Marie Antoinette oder Die beglichene Schuld, war ein erneuter Versuch, Kunst und Wissenschaft zu vereinen, nach dem Motto: "Mein ganzes Schreiben ist letztendlich eine ruhige und kühle Äußerung über mich selbst wie über einen Fremden."

Und wirklich: Held Mihály in der Reise im Mondlicht ist eine Mischung zwischen dem schöngeistigen Kaufmann Károly Szerb und seinem Sohn. Tamás Ulpius, der das Beamtentum ablehnt und sich vergiftet, ist eine Traumgestalt des jungen Szerb. Tamás’ Jünger, Ervin, der jüdische Romantiker, der sich als Pater Severinus in der Kälte eines italienischen Klosters die tödliche Lungenkrankheit zuzieht – eine Variante für den Piaristen und Pfadfinder Szerb und seinen Wunsch: den Ausstieg aus dem Bürgertum.

Dabei handelte es sich keineswegs um eine oberflächliche Geste, sondern um die Atemnot der Moderne in einem Land, das durch den Frieden von Trianon (1920) klein, provinziell und arm geworden war. Unter den Sachzwängen der Wirtschaftskrise litt und zerbrach vor allem die Institution der bürgerlichen Ehe. Der Ausstieg des Bürgers aus dem Bürgertum ist damit selbst in seiner radikalsten Spielart eine Flucht nach vorn. In diesem Fall kommt noch erschwerend hinzu: die Befreiung des Juden von seinem Judentum.

Antal Szerbs einwandfreier Taufschein entwertete sich nach und nach wie das Geld zu Zeiten der Inflation. Der ursprünglich rein akademische Protest gegen seine Literaturauffassung verwandelte sich mit den immer schärfer werdenden Judengesetzen in eine offene Hetzjagd. Im März 1942 nannten die "Rassenschützer" seine ungemein populäre Literaturgeschichte eine "Leichenschändung". Ein Piaristenlehrer sprach plötzlich vom "Fremdgeruch", andere von der Apotheose der "wurzellosen Pester Judengeneration". In einem faschistischen Journal zweifelte man seine Sympathie für die deutsche Klassik an: "Szerbs Deutschlandideal ist das Schrifttum der Juden und Freimaurer." Schließlich wurde sein Werk zum Gegenstand einer parlamentarischen Anfrage: "Ist der Herr Kulturminister bereit, derartige Werke aus der ungarischen Kulturgemeinschaft zu exkommunizieren, aus den Schulbibliotheken zu verbannen und auf Scheiterhaufen verbrennen zu lassen?" Ja, der Herr Minister war bereit: Im Januar 1943 geriet Szerbs Literaturgeschichte auf den Index, um im Volltext erst im Jahr 1990 wiederaufzuerstehen.

Szerb selbst kam erst Ende 1944 unter die Räder der Tötungsmaschine. Als Zwangsarbeiter im Lager Balf an der Grenze zu Österreich traf er sich mit den beiden Jugendfreunden, Halász und Sárközi. Verehrer von Szerb kamen mit einem gefälschten Armeebefehl, um ihn zu retten. Er lehnte ab, denn er wollte das Schicksal seiner Generation teilen. Der völlig geschwächte, arbeitsunfähige Schriftsteller wurde im Januar 1945 von jungen Pfeilkreuzlern totgeschlagen. Die beiden Freunde überlebten ihn um ein paar Tage. Ein vierter katholischer Jude, Miklós Radnóti, fand seinen Tod bereits im November 1944 bei Gyo˝r – 80 Kilometer von Balf entfernt.