Jeden Samstagvormittag trifft sich Krischna mit einem Dutzend Leidensgenossen. Vor dem Tempel des Affengottes Hanuman in der Innenstadt Bombays kommen die Leprakranken zusammen, um Almosen der Tempelgänger zu erbetteln. Krishna ist zwar geheilt, aber die Folgen der Krankheit sind unübersehbar. Seine Hände sind verstümmelt, die Haut vernarbt und fleckig. Obwohl sich bei ihm niemand mehr mit Lepra anstecken kann, bleibt er ein Aussätziger.

Der 50-Jährige ist vor vielen Jahren aus einem südindischen Dorf in die Großstadt gekommen, nachdem seine Familie ihn wegen der Krankheit verstoßen hatte. Zunächst befiel die Lepra Haut und Nerven. Allmählich wurden Hände und Füße gefühllos. Die Verletzungen, die er sich bei der täglichen Arbeit barfuß auf dem Feld und am offenen Feuer immer wieder zuzog, beachtete Krischna überhaupt nicht, da die Wunden nicht schmerzten. Über Monate und Jahre hatte er offene Stellen und eitrige Geschwüre. Dann folgte das erste Anzeichen befallener Muskelnerven: Seine Finger verformten sich zur Krallenhand. Schließlich konnte er nicht mehr auf dem Feld arbeiten, die Hacke nicht mehr halten.

Die Lepra scheint weltweit unter Kontrolle zu sein, und doch gärt sie weiter, in Indien und anderswo. Daher ist es seit Jahren das erklärte Ziel der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und einer großen Allianz verschiedener Einrichtungen und Institute, die Lepra zu besiegen. Damit ist aber nicht die Ausrottung der Krankheit vom Erdball gemeint, so wie einst bei den Pocken, sondern nur deren Eliminierung. Und als "eliminiert" gilt eine Krankheit bereits, wenn von 10000 Menschen weniger als einer im Jahr neu erkrankt. Nach dieser Definition wurde das WHO-Ziel bereits im Jahr 2000 erreicht – allerdings nur, wenn man die Neuerkrankungsrate quer über die gesamte Weltbevölkerung berechnet. An den Brennpunkten stecken sich erheblich mehr Menschen an, in diesem Jahr voraussichtlich über 700000, davon allein 400000 in Indien. Auch um auf dieses Problem aufmerksam zu machen, haben die Organisationen für Sonntag den Welt-Lepratag ausgerufen.

Lepra verstümmelt die Betroffenen, aber sie tötet sie nicht. Viele Kranke sind geächtet, und doch verdienen sie genug Geld mit ihren Behinderungen. Wer gegen die subversive Macht des Leidens gewinnen will, muss auf die Köpfe zielen, aufklären, die Lepratradition knacken. Laien machen aus Unwissenheit einen großen Bogen um die Opfer, aber auch die Ärzte sind häufig ahnungslos. Dabei ist Lepra weit weniger ansteckend, als viele glauben, sie wird nur schwer von Mensch zu Mensch übertragen. Der wahrscheinliche, aber bis heute nicht gesicherte Übertragungsweg ist die Tröpfcheninfektion.

Der Körper resorbiert die befallenen Finger und Zehen

Die Infektion wird durch das Mycobacterium leprae verursacht, einen engen Verwandten des Tuberkulosebakteriums. Zum Überleben braucht es eine Temperatur von rund 35 Grad Celsius. Daher siedelt sich das Bakterium bevorzugt in kälteren Körperregionen an. Neben der Haut zählen dazu die Nase, Ohren, Lippen sowie Hände und Füße. Dadurch entsteht das typische klinische Erscheinungsbild: Bei dunkelhäutigen Menschen beginnt die Krankheit meist mit helleren, so genannten depigmentierten Hautarealen, die oft von Patienten und Ärzten übersehen oder mit anderen Krankheiten verwechselt werden. Viele andere Hauterkrankungen, zum Beispiel einige tropische Hautpilze, rufen ähnliche Symptome hervor, sind aber selbst unbehandelt meist harmlos.

In den veränderten Hautbezirken lebt und vermehrt sich das Leprabakterium. Schon früh werden auch die oberflächlichen Hautnerven befallen, oft lange bevor die Diagnose gestellt wird. Durch eine Verstopfung der kleinen Gefäße mit den Leprabakterien ist die Wundheilung meist stark eingeschränkt. Die betroffenen Finger und Zehen fallen nicht etwa ab, sie werden resorbiert. Der Körper versucht dadurch die chronischen Wunden abzubauen und damit die Wundoberfläche zu verkleinern.

Die Weltgesundheitsbehörde schätzt die Zahl der durch Lepra behinderten Menschen derzeit auf 15 Millionen. Allein in Indien leben 1,5 Millionen. Über drei Viertel aller Neuerkrankungen konzentrieren sich auf die zwei Länder Indien und Brasilien. Lepra ist eine Krankheit der Armen. Unzureichende hygienische Verhältnisse, enges Miteinanderleben – wie man es in zunehmendem Maß in urbanen Regionen findet – und eingeschränkter allgemeiner Gesundheitszustand bieten dem Bakterium ideale Bedingungen, sich zu verbreiten.