Eigentlich wollten Bo Jiang Zheng und seine Kollegen einen anderen mikroskopischen Unhold erforschen – das Hepatitis-B-Virus. Geduldig durchstöberten sie Blutproben von 938 äußerlich kerngesunden Hongkong-Chinesen auf der Suche nach diversen fiesen Keimen. Dabei stießen die Forscher der Universität Hongkong immerhin 17-mal auf einen Erreger, der ihnen nur allzu bekannt vorkam – und das war genau 17-mal zu viel, meinte Zheng.

Fast zwei Prozent der Blutproben enthielten Antikörper gegen das gefährliche Sars-Coronavirus, das im vergangenen Jahr rund 8100 Menschen schwer erkranken ließ und 774 Todesopfer forderte, oder gegen eng mit dem Killer verwandte tierische Coronaviren. Seltsam nur: Alle Blutspender in Zhengs Untersuchungsreihe waren nicht nur seit langem kerngesund, ihre Blutproben waren außerdem bereits 18 Monate vor Ausbruch der verheerenden Sars-Epidemie in Südostasien aus der Vene gezapft worden. Dennoch müssen sie schon damals mit dem gefährlichen Virus infiziert gewesen sein, auch wenn sie vielleicht nicht erkrankten, sonst hätte ihr Immunsystem keine Antikörper gegen die Viruspartikel ins Blut geschickt. Kann das sein?

Zhengs Forscherteam hat eine Erklärung parat, die allerdings nicht unbedingt zur Seelenruhe der Gesundheitsexperten in der gesamten südasiatischen Region beitragen kann: Keineswegs sei die Epidemie von 2002/03 unter der Kategorie "Pech gehabt" zu verbuchen – als einmaliger, höchst unglücklicher Zufall, der durch eine Mutation einen gemeinen Killer schuf und ihn dann auf die Menschen losließ. Ganz im Gegenteil, so schreiben die Virologen in einer elektronischen Vorabveröffentlichung im Fachblatt Emerging Infectious Diseases, offenbar komme es bereits seit Jahren zu Übersprüngen von Sars oder Sars-artigen Viren, vermutlich aus den in China als Delikatesse geschätzten Schleichkatzen der Guangdong-Region. Eine ganze Familie Sars-ähnlicher Viren könnte in den Wildtieren der Region lauern, warnt der holländische Infektiologe Albert Osterhaus von der Rotterdamer Erasmus-Universität in Nature. Womöglich, so vermuten die Fachleute angesichts der neuen Befunde, habe man einfach nur jahrelang großes Glück gehabt. Zwar sprangen in der Vergangenheit immer wieder mal Erreger aus dem tierischen Wirt auf den Menschen über, doch waren die noch nicht so perfekt zum Menschenkiller mutiert wie der Sars-Erreger von 2002/03. Sie infizierten ihre Opfer ohne große Symptome, ihre Vermehrung verlief schleppend, und der Sprung von einem Infizierten zum nächsten Opfer gelang ihnen nicht recht. Immerhin entdeckten die Sars-Forscher vergangenes Jahr bei bis zu 40 Prozent der Wildtierhändler und Schlachter Antikörper gegen Sars oder seine engen Verwandten.

Wie realistisch das Szenario der Wissenschaftler in Hongkong ist, bleibt dennoch vorerst strittig. Zwar hat China inzwischen zwei weitere Sars-Fälle bestätigt, bei einer 20-jährigen Kellnerin und einem Geschäftsmann, beide aus dem südchinesischen Guangzhou (Kanton). Angeblich soll es sich bei dem Erreger tatsächlich um eine neue Variante des Coronavirus handeln.

Aber Beweise für eine Dauerbedrohung durch Sars-ähnliche tierische Coronaviren sind das alles noch nicht. Schließlich waren die chinesischen Forscher nur in knapp zwei Prozent der Blutproben fündig geworden. Da sei die statistische Absicherung kurz vor dem Würfeln, gibt Stephan Günther vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin zu Protokoll. "Jeder Labortest zeigt einen gewissen Anteil falsch positiver Ergebnisse", warnt der Virologe, "das kann im Bereich von einem Prozent liegen." Erst wenn 10000 solcher Blutproben getestet seien, rät sein Kollege Christian Drosten daher, könne man den Befunden mehr Glauben schenken.

Zur Leichtfertigkeit besteht in keinem Fall Anlass. Denn, so mussten Kwok-Kwong Lau und seine Kollegen vom Princess Margaret Hospital noch während der Epidemie feststellen, der Sars-Erreger hat womöglich noch manch böse Überraschung in petto: Laus Patientin, 32 Jahre alt, schwanger, seit 22 Tagen krank, bereits künstlich beatmet und wegen Nierenversagen an der Dialyse, bekam plötzlich epileptische Anfälle und verlor das Bewusstsein. Ihr Peiniger hatte sich nicht mit der Infektion in Lunge und Bauchorganen begnügt, dem Virus war offenbar der Vorstoß in ihr Hirn gelungen. Sie überlebte nur knapp – auch ihr Baby wurde gerettet, durch Kaiserschnitt.