Schon Wochen bevor Josef Ackermann den Saal L111 des Düsseldorfer Landgerichts betrat, erfuhr die Nation, was den Chef der Deutschen Bank dort erwartet: schwarze Tische mit brauner Holzverkleidung, Fußboden aus blaugrauem Filz, dazu ein Kreuz an der Wand. Kein Detail war zu banal, um in den Vorberichten zum "spektakulärsten Wirtschaftsprozess der Nachkriegsgeschichte" ausgebreitet zu werden. Vor allem das dreiteilige Gemälde mit Szenen des Jüngsten Gerichts auf dem Flur des Justizgebäudes hat es den Reportern angetan. Kein Zweifel: Es geht um etwas in diesem Prozess, und jeder soll das prickelnde Gefühl bekommen, hautnah dabei zu sein.

Seit diesem Mittwoch läuft in Düsseldorf der Prozess um die Mannesmann-Millionen (das Verfahren begann nach Redaktionsschluss dieser ZEIT- Ausgabe). In den kommenden Monaten – der Prozess ist bis Juni terminiert – muss Richterin Brigitte Koppenhöfer klären, ob die Abfindungen und Prämien, die im Zuge der Übernahmeschlacht um Mannesmann an ehemalige Manager des Konzerns flossen, den Tatbestand der Untreue erfüllen. Einen Geldsegen von mehr als 111 Millionen Mark brachte den Managern die Übernahme durch die britische Mobilfunkfirma Vodafone. Angeklagt sind nun jene Mitglieder des Aufsichtsrats, die damals die Zahlungen bewilligt haben sollen – neben Bankchef Ackermann sind das Joachim Funk, im Februar 2000 Mannesmann-Aufsichtsratschef, der frühere IG-Metall-Chef Klaus Zwickel und Jürgen Ladberg, der damalige Betriebsratsvorsitzende. Klaus Esser, der als Vorstandschef monatelang gegen die Übernahme durch Vodafone kämpfte und schließlich doch kapitulierte, muss sich für die Sonderprämie von 32 Millionen Mark rechtfertigen, die er damals erhielt. Und schließlich steht mit Dietmar Droste jener Personalverantwortliche bei Mannesmann vor Gericht, der die umstrittenen Verträge ausgefertigt haben soll.

Doch es geht um mehr als Prominenz und Macht auf einer Anklagebank (zur Chronologie des Falls siehe Kasten). Der Prozess werde "Rechtsgeschichte" schreiben, verspricht das Handelsblatt, er sei ein Testfall für "Deutschlands Offenheit" gegenüber dem Ausland, glaubt die Financial Times , und womöglich schaffe er "generelle Vergütungsregeln", wovor die Börsen-Zeitung ausdrücklich warnt.

Das große Thema hinter dem Prozess: die vielfach beklagte Gier der Manager. Die Auseinandersetzung vor Gericht könnte die Debatte darüber anheizen, wann Gier beginnt und wann Millionenhonorare berechtigt sind – und nach welchen Regeln man ManagerGehälter verteilen sollte. Kein Wunder, dass die Erwartungen an den Prozess hoch sind.

Langjährige Gefängnisstrafen, wie sie in den Vorberichten genüsslich erläutert wurden, sind allerdings nicht zu erwarten. Schon bei der Verurteilung der Haffa-Brüder im April vergangenen Jahres zeigte sich, wie stark so mancher Wunsch und die Wirklichkeit auseinander klaffen. Die öffentliche Empörung über gierige Manager verlangte nach einem abschreckenden Urteil. Als Thomas und Florian Haffa, zwei Symbolfiguren des Neuen Marktes, dann aber nur wegen Kursbetruges zu Geldstrafen verurteilt wurden – 1,2 Millionen Euro für Thomas, 0,24 Millionen für Florian –, da bebte der Volkszorn, im Saale und außerhalb. Nur Gefängnis, so das Empfinden vieler, hätte das Tun der ehemaligen EM.TV-Manager sühnen können.

Im Fall Mannesmann sind lange Haftstrafen graue Theorie. Zwar stehen auf Untreue in einem besonders schweren Fall, wie sie Ackermann, Funk, Zwickel und Ladberg vorgeworfen wird, bis zu zehn Jahre. Aber keinem der Anwälte ist ein Fall geläufig, in dem ein Ersttäter fünf Jahre Gefängnis oder mehr bekam.

Viel spannender ist die Frage, wie das Gericht das Aktiengesetz auslegen wird. Paragraf 87 desselben verlangt, dass die Bezüge eines Vorstands "in angemessenem Verhältnis zu den Aufgaben" und "zur Lage der Gesellschaft" stehen müssen. Es ist das Hauptargument der Verteidiger: Weil sich die Geldflüsse im angemessenen Rahmen bewegt hätten, könne vom Straftatbestand der Untreue nicht die Rede sein.