Kein westdeutscher Sprinter ist die 100 Meter je schneller gelaufen als Marc Blume vom TV Wattenscheid, der in den letzten zehn Jahren achtmal Deutscher Meister geworden ist. Doch wenn man liest, was in diesen Jahren über ihn geschrieben wurde, kommt es einem so vor, als wäre der 29-Jährige von allen der Lahmste. Und Faulste. 1996 ist er einmal Halleneuropameister auf der Kurzstrecke geworden. Das ist sein größter internationaler Erfolg. Andere Titel sind ihm von Sportjournalisten verliehen worden: "Hinterherläufer", "WM-Tourist", "ewiges Talent". 10,13 ist Blumes Bestleistung in einer Zeit, in der man aber eine Neun vor dem Komma braucht, um ein Held zu sein oder zumindest kein Versager.

Dass viele dieser Neuner-Zeiten nur mithilfe unerlaubter Mittel zustande gekommen sind, hat sich Marc Blume schon immer gedacht. Nur sagen konnte er es bisher nicht, weil das sonst wieder wie eine Ausrede ausgesehen hätte. Aber jetzt ist alles anders. Vor einigen Monaten ist bekannt geworden, dass sich viele amerikanische Leichtathleten mit dem anabolen Steroid Tetrahydrogestrinon (THG) gedopt haben. Der englische Hundertmeterläufer Dwain Chambers etwa ist wegen THG gesperrt worden. Blume kennt den Briten gut, er hat schon viele Rennen gegen ihn verloren. "Im Prinzip stellt es sich so dar, dass wir als saubere Athleten über Jahre hinweg betrogen worden sind. Wenn ich an den Chambers denke – den hab ich im vorletzten Jahr bei der EM in München in jedem meiner Läufe gehabt. Als ich den Endlauf um einen Platz verfehlt habe, war Chambers vor mir. Oder mit der Staffel, da hätten wir Bronze geholt, wenn die Briten mit Chambers nicht vor uns gewesen wären." Blumes Wut hält sich in Grenzen, denn der Verdacht, dass viele der Spitzensprinter gedopt sind, ist alt. "Es ist eher eine Genugtuung, dass man jetzt ein Argument hat."

Dass die Oberschenkel der amerikanischen und nigerianischen Konkurrenten doppelt so dick sind wie seine eigenen, hat er ja auf Wettkämpfen gesehen. Warum so viele Spitzensprinter mit 28 plötzlich Zahnspange tragen, dafür gibt es unterschiedliche Erklärungen. Eine Mode, sagen die Amerikaner (Madonna hatte ja auch plötzlich eine). Ein Versuch, die Nebenwirkungen von Wachstumshormen unter Kontrolle zu bringen, vermutet allerdings Marc Blume. Denn es wachsen nicht nur die Muskeln, sondern auch die Ohren, die Hände, der Unterkiefer. Außer Maurice Greene sind alle Großen später des Dopings überführt worden: Ben Johnson, der Olympiasieger von 1988. Selbst bei Carl Lewis sind irgendwann einmal Unregelmäßigkeiten nachgewiesen worden. Linford Christie, der Weltmeister von 1993, ist nach seiner Karriere überführt worden. "Man könnte jetzt auch böse sein und sagen: Viele der Top-16-Läufer arbeiten mit unsauberen Mitteln", meint Roland Stein, der Sprinttrainer des TV Wattenscheid.

Marc Blume sagt, dass er nicht dopt. Von seinen Fahndern von der Nationalen Dopingagentur ist er schon in den merkwürdigsten Situationen zur Kontrolle zitiert worden: auf Partys abends um halb zehn, im Auto auf dem Weg nach Hause, auf der Arbeit bei den Stadtwerken in Bochum, im Trainingslager in Kalifornien. Er sieht auch gar nicht so aus, als nehme er Wachstumshormone. Er ist 1,80 und durchtrainiert, aber seine Schultern sind nicht besonders breit und seine Waden und Oberschenkel schmächtiger als die eines Fußballers.

So steht er am Fuße einer Abraumhalde in Bochum-Wattenscheid. Es ist vier Uhr am Nachmittag, die zweite Trainingseinheit an diesem Tag. Bergauf führt ein schmaler Schotterweg, die Sprintgruppe des TV Wattenscheid muss ihn sich mit Spaziergängern und Hundehaltern teilen. Unten warten Marc Blume, sein Zwillingsbruder Holger, der im Durchschnitt 15 Hundertstel langsamer ist, und David Filipowski, ein junger Hürdenläufer. Oben steht Trainer Roland Stein mit einer Stoppuhr. Geplant sind Tempoläufe, fünfmal 180 Meter nach oben. Mehr geht nicht, sagt der Trainer, das wäre auch sinnlos. "Die Muskeln übersäuern, und der Körper braucht dann lange, um sich zu regenerieren. Die Verletzungsgefahr steigt, die Muskeln sind anfälliger für Zerrungen, das Training am nächsten Tag ist gefährdet. Sprinter müssen ausgeruht sein, wenn sie sprinten wollen. Wenn sie platt und müde sind, geht bei denen nix!" Der einzige Vorteil gedopter Sportler besteht darin, dass sie schlicht mehr trainieren können. Mehr Einheiten, schnellere Einheiten und gleich dasselbe noch mal. Wenn amerikanische Sprinter am nächsten Tag wieder auf der Bahn stehen, müssen sich die deutschen wie Marc Blume erst einmal richtig erholen.